Episode 412: Providence


Episode 412
“Providence”

Drehbuch: Karen Campbell
Regie: Mairzee Almas

Take me back to the idiot hut.”
(Roger MacKenzie)

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Spoiler. Nicht nur Spoiler zur Serie und der aktuellen Folge, sondern auch zu allen Büchern von Diana Gabaldon, die bis zum heutigen Datum erschienen sind.

Herzlich Willkommen zu dem Teil meiner Review, den ich eigentlich nicht jede Woche aufs Neue schreiben müsste, sondern den ich mit Copy and Paste seit Folge 401 immer und immer wieder hätte einfügen können, denn auch diese Folge ist großartig, einzigartig und phänomenal und alle Beteiligten, angefangen von den Verantwortlichen im Writers Room über die Mitarbeiter der diversen Departements bis hin zum Cast, haben erneut mehr als tausend Prozent gegeben. Ich kann es nicht oft genug betonen, wie stolz ich auf alle bin, die an der Produktion von OL beteiligt sind, denn so eine wundervolle, großartige und mit so viel Herzblut gestaltete Serie ist mir noch nie begegnet und ich bin mehr, als ich mit Worten sagen kann, dankbar, dass OL meinen Lieblingsbüchern, die mich schon fast mein halbes Leben begleiten, mehr als gerecht wird.
“Providence” – diese Episode stimmt einen nachdenklich, ist oft sehr bewegend und an vielen Stellen herzergreifend und wieder einmal haben alle Beteiligten uns bewiesen, dass nicht nur die Bücher es wert sind, so geliebt und geschätzt zu werden, sondern auch die Serie mit all dem, was ein visuelles Medium leisten kann. Ich bin sehr erstaunt, dass es so viele Seiten aus dem Buch in diese Episode geschafft haben und trotzdem noch Zeit geblieben ist, die Dinge zu erzählen, die nicht Bestandteil von Band 4 sind. Was in meinen Augen gut funktioniert hat, ist die Entscheidung, wieder einmal eine Folge ganz ohne Jamie und Claire zu zeigen, denn wie schon in “Down the Rabbit Hole” braucht es nicht zwingend unsere beiden Hauptcharaktere, um eine spannende, fesselnde und wunderbare Geschichte zu erzählen, denn für mich sind auch die anderen Charaktere und deren Stories so interessant, dass sie sechzig Minuten Sendezeit gestalten können, ohne dass ich Jamie und Claire vermisse. Auch bin ich der festen Überzeugung, dass es nicht die letzte Folge in den noch kommenden Staffeln sein wird, die auch ohne unsere beiden Frasers auskommt. Für uns hartgesottene BL ist dieser Umstand durchaus nichts Neues, denn wir wissen, dass OL so viel mehr ist, als die Liebesgeschichte von Jamie und Claire und dass OL ab Band 4 zur Familiensaga der Frasers, MacKenzies und Murrays wird und ich bin überaus dankbar, dass auch die Serie nicht nur die Lebensgeschichte von Jamie und Claire zeigt, sondern auch die Geschichten ihrer Liebsten mit der gleichen Liebe und Hingabe erzählt.

Das Set des Dorfes “Shadow Lake” wurde im Faskally Wood (ein weitläufiges Waldgebiet im Tay Forest Park am Ufer des Loch Dunmore, ca. 1,5 km nordwestlich von Pitlochry) aufgebaut und wie ich schon letzte Woche erwähnt habe, ist das Dorf der Mohawks einfach unglaublich detailgetreu und realistisch dargestellt und die ganze Arbeit, die in diesem Projekt steckt, macht sich in meinen Augen mehr als bezahlt. Wir Zuschauer werden zusammen mit Roger in eine andere Welt entführt und ich finde es unvorstellbar, dass diese alles nur ein Set, eine Kulisse ist und nicht ein echtes Dorf mit echten Langhäusern und echten Mohawks, die der ganzen Szenerie Leben einhauchen. Auch die Kostüme sind wundervoll und nicht nur die der Hauptakteure sind sehr detailreich gestaltet, sondern auch die der mehr als einhundert Statisten, die alle von Terry und ihrem Team in nur einer Woche komplett eingekleidet wurden. Übrigens haben sich die männlichen Mohawk-Darsteller wirklich ihren Kopf rasiert, damit die Frisuren authentischer aussehen und keiner der Darsteller spricht Mohawk, sondern sie alle haben die Worte einfach dem Klang nach auswendig gelernt, so wie auch unsere Schotten ihr Gälisch.
In der letzten Szene war kein CGI am Werk, sondern eine Stuntfrau ist in das Feuer gegangen, die ihren Körper mit einem Spezialanzug und ihr Gesicht mit einer sehr fetthaltigen Creme vor den Flammen geschützt hat.

Eins noch, bevor ich meine vorletzte Review für Staffel 4 beginne: ich liebe die Kleider, die Brianna und Marsali in dieser Folge tragen, besonders Briannas Oberteil, das sie in den Szenen auf River Run trägt, ist bezaubernd (hier und hier findet ihr Bilder von Terrys Twitter Account).

 

For better or worse
Ich finde es eine gelungene Idee, den Plot um Murtagh, Fergus und Marsali mit der Story von Brianna und ihrem Gefängnisbesuch bei Bonnet zu kombinieren, denn für mich passen beide Handlungsstränge wunderbar zusammen, ergänzen sich sehr gut und die Serie liefert uns einen plausiblen Grund, warum Fergus und Marsali und auch Murtagh zukünftig auf Frasers Ridge leben werden. Die charakterliche Darstellung sowohl von Fergus als auch von Marsali alleine und auch als Ehepaar ist meiner Meinung nach sehr buchgetreu nachempfunden, denn Fergus ist nicht nur Milord, sondern auch Murtagh, den er noch aus Kindertagen aus Paris kennt und mit dem er das ein oder andere erheiternde Gespräch über Frauen geführt hat (ihr erinnert euch?), tief ergeben und er kann nicht anders als ihn vor dem Galgen zu retten. In diesem Zusammenhang mag ich es, dass Bryan (Murtaghs Regulatoren Freund) mit den Worten “What’s taken from one of us is taken from all of us” das aufgreift, was Murtagh in Folge 405 in seiner leidenschaftlichen Rede vor den anderen Regulatoren gesagt hat. Marsali, die sofort erkennt, dass die Fingerhüte und Schüsseln auf ihrem Esstisch ein von Fergus säuberlich ausgearbeiteter Schlachtplan zur Befreiung von Murtagh ist, steht ihrem Buchcharakter in nichts nach und ist nicht nur mit der Rettungsmission einverstanden, sondern erklärt sich sofort freiwillig bereit, das Fluchtauto den Pferdewagen zu fahren. So stellen sich die Wilmingtoner-Frasers die “Was würden Claire und Jamie tun” – Frage und entwickeln gemeinsam einen Plan, Murtagh mit Hilfe seiner Regulatoren-Freunde zu befreien.  „For better or worse, Fergus Fraser.” – für Marsali sind die Worte, die sie ihren Mann bei ihrer Hochzeit vor Father Fodgen geschworen hat, nicht nur leere Worthülsen, sondern beschreiben, wie sie zu ihrem Mann steht und immer stehen wird. Die Serienverantwortlichen zeigen uns eine starke und unabhängige Frau, die immer weiß, was sie will und die zu jeder Zeit ihren Ehemann unterstützt – das, was Claire für Jamie ist, ist Marsali für Fergus. 

 

Freedom is hard won
Auf River Run berichtet Lord John Brianna, dass Bonnet in Wilmington verhaftet wurde und wegen Schmuggel, Piraterie und Mord in der kommenden Woche gehängt werden soll. Brianna bemerkt ironisch, dass ihre Vergewaltigung wohl nicht auf die Liste seiner Verbrechen gesetzt werden wird und auch, wenn sie genau weiß, dass diese Tat für Bonnet ohne Folgen bleiben würde, wenn er nicht schon zum Tode verurteilt wäre, trifft sie LJ Aussage “It would only bring shame upon you and be of no consequence.” sehr. Wieder einmal muss sie erfahren, wie wenig eine Frau in dieser Zeit wert ist und es erinnert sie bestimmt an den Abend in Wilmington, als ihren Stiefeln mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde, als ihrem Schicksal. Aber diesmal ist etwas anders als an diesem Abend in der Taverne, denn mit LJ hat sie jetzt jemanden an ihrer Seite, der sie hört, dem sie wichtig ist, der sie unterstützt und der ihren Wunsch, Bonnet sehen zu können, vielleicht nicht nachvollziehen kann, ihn aber trotzdem erfüllt.
Wenn Brianna LJ den Brief ihres Vaters zu lesen gibt, ist es sehr effektiv und sehr ergreifend, dass wir die Worte, die Jamie seiner Tochter zum Abschied geschrieben hat, mit Jamies Stimme hören und Ausschnitte aus seiner vielleicht vergeblichen Suche nach Roger sehen. Jamies inniger Ratschlag an seine Tochter, nicht weiter auf Rache zu hoffen, sondern um ihrer Seele willen, die Stärke zu finden, um Bonnet zu vergeben, ist nicht aus der Luft gegriffen, denn auch er hat erst dadurch, dass er BJR vergeben hat, Frieden finden können. Daher bittet Brianna LJ, dass er ein Treffen mit Bonnet arrangiert, damit sie mit ihm sprechen kann, um sich von dem Schmerz und dem Leid, das er ihr zugefügt hat, zu befreien, damit sie und ihr Baby in Frieden leben können. LJ hat keine andere Wahl, als ihr diesen Wunsch zu erfüllen und ich finde es schön zu sehen, wie sehr sich ihre Beziehung im Vergleich zu letzter Woche gefestigt hat und wie tief die Achtung und die Bewunderung auf beiden Seiten für den jeweils anderen ist, denn Brianna erlaubt LJ ihren Bauch anzufassen und das Leben, das in ihr wächst, zu spüren. Mich berührt dieser Augenblick sehr, denn es gibt in meinen Augen kaum einen intimeren Moment, den man als schwangere Frau mit einem anderen Menschen teilen kann. Übrigens ist Brianna laut Drehbuch im siebten Monat schwanger und das heißt, dass, angenommen die Zeit zwischen Roger und ihr verläuft parallel, Jamie und Claire immer noch den Hauch einer Chance haben, um pünktlich zur Geburt ihres Enkelkindes zurück nach River Run zu kommen.
Die Szenen zwischen LJ und Brianna haben mir alle außerordentlich gut gefallen und es ist sehr schön zu sehen, wie das Band der Freundschaft in dieser Folge gefestigt wird und dass LJ, obwohl er sich Jamie sehr verbunden fühlt, Brianna nicht wegen ihres Vaters beschützt und für sie sorgt, sondern, weil er sie für ihre Beharrlichkeit und für ihre Stärke bewundert und sie um ihretwillen ins Herz geschlossen hat. Auch Brianna fühlt sich LJ sehr verbunden, vor allem, weil er ihr seine Aufmerksamkeit schenkt, sie anhört und es ihm wichtig ist, was sie sich wünscht. Er lässt ihren Hilferuf nach einem Leben ohne Rachegefühle nicht unbeantwortet verklingen und erweist ihr den Respekt und die Ehre, die ihr damals in Wilmington in der Taverne von den anwesenden Männern nicht geschenkt wurde.
Auch wenn die Umstände, mit denen es LJ und Brianna in dieser Folge zu tun haben, ernst und oftmals auch herzergreifend sind, liebe ich es, dass die Verantwortlichen im Writers Room nicht vergessen haben, dass einer der größten Tugenden von LJ sein äußerst trockener Humor ist, den er auch in den schlimmsten Situationen seines Lebens niemals verliert. Dieser Humor ist einer der Gründe, warum ich mich zu diesem Charakter so hingezogen fühle, weil er meinem sehr ähnelt und ich mich köstlich über Sätze wie I’m not sure that involves taking afternoon tea with a murderer” oder “I find myself missing her at times as well, particularly when I’m ill.” amüsieren kann. Auch die Szene, wenn Fergus mit den Regulatoren im Gefängnis auf der Bildfläche erscheint, um Murtagh zu befreien und die Szenerie für einen kurzen Augenblick unübersichtlich wird, amüsiert mich – vor allem die Momente, in denen jeder den anderen erkennt und ihn beim Namen nennt, sind schon fast Sitcom reif.
„Fergus?” – “Lord John?”
Murtagh?” – “Fergus?”
“Brianna?” – “Murtagh?”
“Murtagh?” – “Lord John?”

Während mir endlich einfällt, dass sich LJ und Fergus aus Jamaika kennen, da dieser LJ um Hilfe gebeten hat, damit Jamie aus der Haft von Captain Lieutenant Leonard wieder freikommt, fällt mir auch wieder ein, woher ich LJs Tonfall und seinen Gesichtsausdruck kenne, wenn er sich mit Murtagh in ein kurzes, aber heftiges Wortscharmützel um Briannas Wohlergehen verstrickt. Mit dem gleichen Befehlsgehabe, das er jetzt Jamies Patenonkel gegenüber an den Tag legt, hat er nämlich damals als Gouverneur von Jamaika Captain Lieutenant Leonard in seine Schranken gewiesen und ich bin amüsant beeindruckt, dass er auch diesmal als Sieger aus diesem Wortgefecht hervorgeht, denn Murtagh muss eingestehen, dass es für Briannas und auch für sein eigenes Wohl besser ist, wenn LJ Jamies Tochter wieder nach River Run zurückbringt. So schön erfrischend diese Szene auch ist, wird sie von der Warnung, dass gleich das Gebäude in die Luft fliegt, unterbrochen und alle eilen so schnell es geht zum Ausgang. Das Letzte, was wir sehen, bevor das Gefängnis in Schutt und Asche zerfällt, ist Bonnet, der versucht die Schlüssel eines Wärters, die bei dem Gerangel zwischen Fergus, LJ und Murtagh fallen gelassen wurden, aufzuheben. Und während sich die Nicht-BL fragen, ob Bonnet die Schlüssel rechtzeitig erreichen konnte, beobachte ich, wie Marsali zur Fluchtwagenfahrerin wird und wie sich die Wilmington-Frasers zusammen mit Murtagh und ihrem gesamten Hab und Gut in Richtung FR aufmachen, wo sie hoffentlich in der nächsten Folge wieder mit Jamie, Claire, Brianna, Roger und dem Baby vereint sind. Und nein, ich habe Ian in dieser Aufzählung nicht vergessen, aber da ich ja sein Schicksal kenne, wäre es nicht fair gewesen, ihn an dieser Stelle zu erwähnen.

Auch die letzte Szene mit LJ und Brianna, wenn dieser den britischen Soldat über den Verbleib von Murtagh anlügt und dadurch seine Liebe und seinen Respekt für Brianna und Jamie über seine Loyalität zu Tryon und der britischen Krone stellt, ist großartig und zeigt, was für ein wundervoller Mann er ist. Nicht nur ich schwelge in großer Bewunderung, sondern auch Brianna hat diesen Mann an ihrer Seite noch ein wenig mehr in ihr Herz geschlossen und sie sieht ihn voller Dankbarkeit, Respekt und freundschaftlicher Liebe an und in ihren Augen kann man das lesen, was sie bereits bei ihrer Ankunft in Wilmington zu LJ gesagt hat – You are impossible not to like.” und ich kann ihr diesbezüglich nur uneingeschränkt zustimmen

 

You will be forgotten
Die Szene zwischen Brianna und Bonnet kommt der Handlung und dem Dialog, wie Diana es im Kapitel 62 “Der Dreidrittelgeist” beschreibt, sehr nah und mir hat die Umsetzung, vor allem die schauspielerische Leistung von Sophie und Ed sehr gut gefallen. Beide geben der Szene genau das, was sie braucht, um so zu wirken, wie ich sie immer beim Lesen empfunden habe. Vor allem schafft es Sophie mit ihrer Mimik und Gestik Briannas Zerrissenheit und ihre unterdrückte Wut, aber auch ihre anfängliche Angst vor Bonnet zu zeigen und sie bringt Briannas innere Lossagung sehr gut rüber. Auch Ed leistet Großartiges und mit seiner ganzen Körpersprache, vor allem dieser für Bonnet typischen Kopfbewegung, untermalt er die Eiseskälte, die von diesem Psychopathen ausgeht, der weder Mitgefühl, noch Empathie oder Reue kennt. Bonnet beleidigt Brianna, suhlt sich in ihrer Angst und tritt die Vergebung, die sie ihm anbietet, mit Füßen. Ihr Versuch, den Rat ihres Vaters zu befolgen und ihrem Peiniger zu verzeihen, scheint gescheitert, denn wie soll man jemandem vergeben, der keinerlei Reue, keinerlei menschliche Züge zeigt. Das Einzige, was sie ihm noch geben kann, ist die Erkenntnis, dass mit dem Baby, das sie unter ihrem Herzen trägt, etwas von ihm bleibt und selbst diese Geste verspottet er sie mit seinen Worten So I’ll soon be gone but not forgotten.”. Brianna kann kaum glauben, was sie hört, denn niemals im Traum würde ihr einfallen, dass sie ihrem Kind von Bonnet erzählt.My baby will never know your name, will never even know that you existed.” schleudert sie ihm mit ihrer aufgestauten Wut ins Gesicht. Wider Erwarten lösen diese Worte in Bonnet das erste Mal, seitdem wir ihm in Folge 401 begegnet sind, eine echte und nicht nur eine adaptierte menschliche Reaktion aus, denn das, was Brianna zu ihm sagt, scheint ihn hart zu treffen und er bittet sie für seine Verhältnisse sichtlich ergriffen, den Edelstein, den er sich aus seinem Zahn puhlt, für das Auskommen seines Babys anzunehmen und gut für sein Kind zu sorgen. Mir gefällt es sehr gut, dass Brianna am Ende sieht, dass Bonnet einfach nur ein Mensch und kein Monster ist und dass die Serienverantwortlichen in die Fußstapfen von Diana treten, die einen Charakter niemals nur gut oder böse schreibt, denn wie schon BJR im Angesicht des Todes seines Bruders menschliche Züge bekommt, verliert auch dieser Widerling Bonnet einen Teil seiner Boshaftigkeit. Vielleicht ist es Brianna nicht gelungen, Bonnet zu vergeben, so wie ihr Vater es in seinem Brief ihr ans Herz gelegt hat, aber am Ende dieser Unterhaltung hat sie sich trotzdem von ihrem Dämon befreien können, denn er kann ihr nichts mehr anhaben, weil er vergessen sein wird, während sie ein gutes Leben führen und ihr Kind zu einem guten Menschen erziehen wird. So findet sie im Angesicht ihres schlimmsten Alptraums ihren Frieden und weiß, dass sie, wenn sie diese Zelle verlässt, frei sein wird und sich von nun an mit ihrer ganzen Liebe und ihrer ganzen Kraft ihrem Kind widmen kann.

 


Look out for number one
Rogers Leidensweg, der mit seiner Ankunft in “Shadow Lake” letzte Woche erst begonnen hat und der sich in dieser Folge fortsetzt, ist im Vergleich zum Buch stark gekürzt, wenn man bedenkt, dass Roger im Buch fast drei Monate bei den Mohawks gelebt hat und in dieser Folge laut Drehbuchanmerkungen gerade einmal zwei Wochen vergangen sind. Aber trotzdem ist das, was wir gezeigt bekommen, sehr berührend und bewegend. Ich kann nichts anders, als immer wieder “Poor Roger” zu denken und mein Mitgefühl ist in manchen Szenen, besonders wenn Roger Pater Alexandre von seiner Reise erzählt, so überwältigend, dass ich manchmal nicht weiß, wohin damit, denn bis jetzt ist es noch niemanden gelungen, einen Seriencharakter durch den Fernseher hindurch zu umarmen. Der gesamte Dialog, der in der “Idioten-Hütte” zwischen Roger und Pater Alexandre stattfindet, trägt diese Episode und es ist faszinierend zu sehen, wie diese beiden doch so unterschiedlichen Charaktere doch so viel gemeinsam haben, denn sie sind beide in der Struktur dessen, was sie ausmacht, so sehr verankert, dass niemand von ihnen anders kann, als so zu handeln, wie es das Schicksal, oder von mir auch aus die göttliche Fügung, vorherbestimmt hat. Diese kurze und doch sehr emotionale Freundschaft zwischen diesen beiden Männern, ist unglaublich sensibel geschrieben und sowohl von Richard als auch von Yan Tual großartig dargestellt worden. Nicht nur, dass beide dieser besonderen Verbindung, die Diana mit ihren Worten kreiert hat, auf der Leinwand Leben einhauchen, sondern Richard schafft es zu jeder Zeit mit seinem ausdrucksstarken Schauspiel uns auf Rogers Reise mitzunehmen und uns an seinen Gedanken und Gefühlen so teilhaben zu lassen, als wenn wir die Worte im vierten Band lesen würden. Richard ist ein sehr bemerkenswerter und äußerst talentierter Schauspieler, der gerade in dieser Folge uns die gesamte Bandbreite seines Talents hat zeigen können und jedes Blinzeln, jedes Stirnrunzeln, jeder Blick und jede noch so kleine Nuance in seiner Stimme zeigen sein tiefes Verständnis für seinen Charakter und seine Verbundenheit mit diesem.
Die Geschichte, die Pater Alexandre über sich und die Frau, die er hingegen aller Vernunft immer noch liebt, erzählt, ist wie Salz auf Rogers geschundener Seele. Wenn der Pater sagt, dass er dafür gebetet hat, Johiehon nicht mehr zu lieben, dass sie nicht mehr in seinen Träumen erscheint und dass er nicht mehr die Berührung ihrer Hand spürt, denkt er nicht, dass Roger ihn verstehen kann. Aber dieser belehrt ihn eines besseren, denn Pater Alexandre rennt mit seinen Gebeten offene Türen bei ihm ein, denn auch er hat viel Leid wegen seiner Liebe zu Brianna erdulden müssen.
Rogers “Idioten-Rede”, untermalt vom Roger und Brianna Theme, beginnt mit seinen Worten “Do ye know why I can say you’re an idiot? Because I’ve been an idiot myself. I fell in love with a girl.” und es ist, obwohl es diese Worte niemals im Buch gegeben hat, eine der bewegendsten und berührendsten Monologe, die ein Charakter jemals in OL gehalten hat. Roger erzählt unter Tränen der Verzweiflung, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit Pater Alexandre von seinem gescheiterten Heiratsantrag, dass er trotzdem seiner Geliebten durch Raum und Zeit gefolgt ist (was würde der Pater wohl denken, wenn er wüsste, dass diese Worte nicht bildlich, sondern wortwörtlich gemeint sind) und für sie einen Ozean überquert hat, dass er sie dann letztendlich doch geheiratet hat, nur um sich kurz danach mit ihr zu streiten, dass er sie erst verlassen wollte, dann doch zu ihr zurückgegangen ist, nur um vermutlich von ihrem Vater fast zu Tode geprügelt worden zu sein und von diesem dann an die Mohawks verkauft wurde, denen er entkommen konnte und dann einen Weg nach Hause gefunden hat. Wenn Roger an dieser Stelle seiner Geschichte angekommen ist, dann können wir in seinen Tränen verschleierten Augen sehen, was ihn diese Reise gekostet hat, wie tief seine Liebe zu Brianna ist und wie groß seine Verzweiflung darüber, dass er nicht sein Wohlergehen über diese Liebe stellen konnte. Wir hören an dem Klang seiner Stimme, dass es ihm wie ein Wunder vorgekommen ist, seine Fahrkarte nach Hause in Reichweite seiner Fingerspitzen gehabt zu haben und anstatt diesen Wink des Schicksals zu ergreifen, hat er sich gegen ein Leben in Freiheit und für seine Liebe entschieden, auch wenn er sich jetzt für den größten Idioten hält, den es im OL Universum gibt. Aber er sieht, dass er mit seiner Idiotie nicht alleine ist, denn auch Pater Alexandre kann nicht aus seiner Haut und stirbt lieber qualvoll auf dem Scheiterhaufen, als sich seinem Schicksal zu beugen und gegen seine Überzeugung sein Kind zu taufen.

An dieser Stelle muss ich einmal einen Moment innehalten und kurz auf das eingehen, was vielleicht in Rogers langen Monolog untergegangen sein könnte, nämlich dass er vermutet, dass es Briannas Vater war, der ihn verprügelt und an die Mohawks verkauft hat. Nach allem, was er erlebt hat und auch mit dem Wissen, dass Brianna nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte, denn wie sonst sollte er Jamies Verhalten interpretieren, ist es wirklich fast unvorstellbar, dass Roger auf seiner Flucht vor den Mohawks nicht durch die Steine gegangen ist. Auch wenn er annimmt, dass Brianna ihn vielleicht nicht mehr liebt, ist seine Liebe zu ihr und die Hoffnung auf eine Zukunft mit ihr größer, als sein Wunsch in Freiheit und Sicherheit zu leben. Denn was nützt ihm all das, wenn er, genau wie Jamie und Claire während ihrer zwanzigjährigen Trennung, ohne Brianna nur ein halbes Leben leben würde?

Am Ende seiner herzergreifenden Rede sagt Roger, dass er eines aus seinem Schicksal gelernt hat und dass es dort, wo er herkommt, ein Sprichwort dafür gibt – Look out for number one.”. Roger verkündet Pater Alexandre, dass er ab sofort nur noch an sich denken und niemand sonst mehr an erster Stelle stehen wird.
Wenn “Ich bin ab jetzt selbstsüchtig”- Roger MacKenzie der Ausbruch aus der “Idioten-Hütte” gelingt, wird seine Flucht von den grauenvollen Schmerzensschreien von Pater Alexandre, der auf dem Scheiterhaufen einen qualvollen, schmerzhaften und langen Tod stirbt, begleitet. Roger stählt sich auf dem Weg selbst, um nicht erneut einzuknicken und wieder einmal das Schicksal und das Wohlergehen andere seinem eigenem voranzustellen, aber auch seine Selbstbeschimpfungen in Form von Don’t be an idiot.” oder “Be smart for once in your stupid, idiotic life.” helfen ihm nicht, sich vor sich selbst zu schützen. Am Ende erweisen sich all seine guten Vorsätze, sich ab jetzt der Nächste zu sein, als leere Worthülsen, denn Roger ist so, wie er ist und er kann nicht anders, als sich umzudrehen, seine Freiheit, die zum Greifen nahe ist, mit der Aussage “Ah, fucking hell” selbstlos für Pater Alexandre zu opfern. Ich wusste die ganze Zeit, dass Roger umkehren wird, weil ihn die Schreie des Paters und dessen Schicksal innerlich zerreißen, denn obwohl er genau weiß, welche Konsequenzen aus seinem Handeln entstehen, ist Roger immer Roger und wird auch immer Roger bleiben – immer dann, wenn jemand Hilfe braucht, kann er nicht anders, als selbstlose Barmherzigkeit anzubieten, wann immer er sieht, das sie benötigt wird, egal, ob sie erwünscht ist oder nicht. Und so kommt Roger wieder in das Dorf der Mohawks zurück, wirft ein Whiskyfass in die kleinen Flammen des Scheiterhaufens, entflammt dadurch eine Stichflamme, die Pater Alexandre einen schnellen und weniger qualvollen Tod beschert, als die Folter, die sich seine Peiniger für ihn erdacht haben.

 

Adagio for Strings
Die letzte Szene ist perfekt umgesetzt, denn es werden keine Worte gebraucht, um das Grauen und den Schmerz eines jeden, der in diese Sequenz involviert ist, zu zeigen, denn sowohl die Mimik der Schauspieler als auch die Melodie, die diese Szene dominiert, unterstreicht die Gefühle wundervoll. Das Musikstück heißt übrigens „Adagio for Strings“, wurde in den 1930er Jahren von Samuel Barber komponiert und schon für viele Filme, wie Platoon, und auch für viele Begräbnisse berühmter Personen, wie John F. Kennedy, verwendet (hier findet ihr weitere Informationen zu dem Lied). Eigentlich wurde “Adagio for Strings” im ersten Rohschnitt nur als Platzhalter für ein anderes Musikstück eingesetzt, aber laut Toni hat es allen so gut gefallen, dass sie sich am Ende für dieses Lied entschieden haben und meiner Meinung nach, ist es die beste Entscheidung, die sie treffen konnten. Diese Melodie ist wie gemacht für diese letzte Szene und während ich diese Zeilen tippen, höre ich sie in meinem Kopf, so wie in den letzten Tagen immer mal wieder, denn ich kann diese Melodie einfach nicht vergessen. Merkwürdigerweise habe ich es nicht kommen sehen, dass Johiehon in einer letzten Umarmung sich mit ihrer großen Liebe im Tode verbindet und mich hat dieser Moment genauso überrascht und getroffen, wie jeden Nicht BL. Ich habe dieses Ereignis aus dem Buch einfach vergessen oder verdrängt, ich weiß es nicht, aber ich konnte mich, obwohl ich “Der Ruf der Trommel” schon unzählige Male gelesen habe, nicht daran erinnern. Vielleicht, weil Roger es im Buch “nur” erzählt und wir es nicht live miterlebt haben, vielleicht auch, weil ich es für unwichtig gehalten habe, weil diese Mohawkfrau “nur” ein Nebencharakter gewesen ist. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich diese Szene und diese Fassungs- und Hilflosigkeit, die ich gefühlt habe, niemals in meinem Leben wieder vergessen werde und wieder einmal bestätigt sich das, was ich schon seit der ersten Staffel immer wieder sage: etwas zu lesen oder es zu hören ist immer etwas anderes, als es mit eigenen Augen zu erleben. Ich bin in diesem Moment genauso entsetzt, wie Roger und Kaherton und alle anderen Anwesenden, die Zeuge dieses herzergreifendsten Liebesbeweis werden, den das OL-Universum jemals gesehen hat.
Und wie schon so oft in den vergangenen Staffeln, bewundere ich das Casting-Department für ihr Händchen, das sie auch bei der Auswahl der Nebencharaktere haben, denn sowohl Sera-Lys McArthur als Johiehon als auch Braeden Clarke als Kaheroton treffen mich mit ihrer Trauer und Verzweiflung genau da, wo es mich treffen soll – mitten ins Herz. Kaheroton wiegt mit zärtlicher Verzweiflung Johiehos Baby, von diesem sie sich nur Sekunden zuvor unter Tränen verabschiedet hat, in seinen Armen, während er mitansehen muss, wie die Frau, die er liebt, in den Armen des Mannes, den sie liebt, verbrennt. Am Ende dieser Folge bin ich so in diesem tragischen und herzerweichenden Moment gefangen, dass ich alles um mich herum vergesse und ich fühle mich, als ob ich mitten in dieser Szene neben Roger stehe, so wie es mir oft auch passiert, wenn ich mich in Dianas Worten und in der Welt, die sie damit kreiert, verliere.
Rogers letzter Satz Take me back to the idiot hut.” zeigt mit aller Deutlichkeit, dass er sich seinem Schicksal ergeben hat und dass er mit seiner für ihn so typischen Selbstironie vielleicht seine Freiheit, aber nicht seine Selbstachtung und einen Teil seiner selbst verloren hat. Denn so wie Pater Alexandre würde auch Roger für seine Überzeugung sterben, auch wenn es vielleicht idiotisch ist, aberdas ist doch der Grund, warum wir Roger so lieben – weil er ist, wer er ist.
“It’s going to get a lot worse before it gets better.” – um es mit Claires Worten aus Folge 309 zu sagen, denn Rogers Tortur ist noch lange nicht vorbei und ich kann nur hoffen, dass Jamie, Claire und Ian zeitnah nach diesem Vorfall “Shadow Lake” erreichen, damit Rogers Martyrium endlich ein Ende hat. Poor Roger!

 

 

Diese Folge wird im Großen und Ganzen von dem, was Roger alles nach seiner Ankunft in “Shadow Lake” widerfährt, bestimmt und auch der Titel “Providence” findet sich in diesen Szenen wieder, denn während alle anderen Protagonisten in dieser Folge ihr Schicksal in die Hand nehmen – Fergus und Marsali, die Murtagh aus dem Gefängnis holen und Brianna, die durch den Besuch bei Bonnet sich von diesem befreien kann – ist Roger der Einzige, der anfänglich sein Schicksal nicht selbst in der Hand hat und der Gnade Gotte und der der Mohawks ausgeliefert ist. Und dann, wenn er wieder Kontrolle über sein Leben erlangt, dann holt ihn das Schicksal erneut ein, denn er kann nicht aus seiner Haut und leugnen, wer er tief im Inneren ist. So benimmt er sich vielleicht in seinen Augen, und vielleicht auch in den Augen manch anderer, wie ein Idiot, weil er nicht sich selbst, sondern das Schicksal und Wohlergehen anderer an erster Stelle stellt. So wie Jamie niemals leugnen wird, dass er zum Anführer geboren wurde und Claire immer ihre Bestimmung als Heilerin an erster Stelle setzen wird, egal welche Konsequenzen aus ihrem Handeln resultieren, so wird Roger immer der hilfsbereite und aufopferungsvolle Mensch sein, zu dem er auserwählt wurde. In meinen Augen ist Roger der mutigste, tapferste, stärkste und bewundernswerteste Idiot aller Zeiten und am Ende des Tages zeigt er uns das, was alle unsere Protagonisten antreibt und uns BL immer wieder zu Dianas Geschichte zieht – denn das Herz und die Seele von OL ist die Liebe in all ihrer Faszination und in all ihren Facetten und manchmal auch in all ihrer Torheit und Idiotie. Ich ziehe meinen Hut vor Roger und seiner Idiotie aus Nächstenliebe und Aufopferungsbereitschaft und hoffe sehr, noch mehr von diesem Roger, den ich für seine Stärke, seinen Lebensmut und seine Selbstironie verehre, in der nächsten Folge sehen zu können.

Je suis prest!
@ Yvonne Pirch


Behind The Scences (Drehbuch, Videos, etc.) Folge 412

Wenn Dir dieser Blog gefällt,
dann abonniere ihn via E-Mail und verpasse nie wieder einen Beitrag.

Werde Teil unserer Outlander Community auf Facebook.