Episode 503: „Free Will“

 

 

 

Episode 503
“Free Will”

Drehbuch: Luke Schelhaas
Regie: Jamie Payne

May God forgive us.“
(Jamie Fraser)

 

 

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Spoiler. Nicht nur Spoiler zur Serie und der aktuellen Folge, sondern auch zu allen Büchern von Diana Gabaldon, die bis zum heutigen Datum erschienen sind.

 

Herzlich Willkommen zur Rekapitulation der ersten und höchstwahrscheinlich auch letzten “Stranger Things” – Episode im OL Universum! Diese Folge ist in meinen Augen eine Hommage an Dianas wunderbare Art, uns mit ihren Worten zu verzaubern. Die Serienverantwortlichen haben diese Woche Dianas Worte buchstäblich auf die Leinwand gebracht und auch wenn es nicht das erste Mal seit Anbeginn der Serie gewesen ist, fasziniert es mich immer wieder, wie außergewöhnlich diese nah am Buch erzählten Episoden sind, denn kein Drehbuch der Welt könnte besser sein, als das, was Diana uns an Material über all die vielen Jahre zur Verfügung gestellt hat.

Luke Schelhaas, der mich schon mit seinem OL-Drehbuch-Debüt zur Folge 310 “Heaven and Earth” mit seinem Stil, wie er Charakter agieren lässt, begeistert hat, hat für diese Episode ein sehr einfühlsames und charakterstarkes Drehbuch geschrieben, das von allen Beteiligten wundervoll umgesetzt wurde und meiner Meinung nach sind alle Charaktere in dieser Folge eins mit ihren Buchcharakteren. In dieser Folge herrscht eine ganz besonderen Atmosphäre, die man, meiner Meinung nach, so noch nie in einer OL Folge gespürt hat und die an einigen Stellen düster und auch ein wenig gruselig ist. Auch die Liebe zum Detail, die wir in dieser Episode finden, ist genau das, was diese Folge so perfekt macht, denn sie kommt ohne große Ereignisse und ohne große Handlung aus. Trotz der fehlenden Action passiert in dieser Folge, besonders im Hinblick auf zwischenmenschlicher und emotionaler Ebene, eine Menge und es sind neben den kleinen Details vor allem die Entscheidungen, die unsere Protagonisten in dieser Folge treffen und die immer eine Konsequenz auf alle anderen Beteiligten haben, die diese Folge tragen,
Ein großes Lob möchte ich Paul Gorman, dem Darsteller der Beardsley Zwillinge, aussprechen. Er hat in meinen Augen die an ihn gestellte Herausforderung, zwei gleich aussehnende Menschen verschieden zu interpretieren, dass jeder Zuschauer merken kann, dass es sich um zwei unterschiedliche Persönlichkeiten handelt, mit Bravour gemeistert.

Mir gefällt es sehr gut, dass wir erneut den reiferen und in sich ruhenden Jamie erleben können, der die Last der Verantwortung für seine Familie und für seine Pächter trägt und auch nicht davor zurückschreckt, sich für die Beardsley Zwillinge verantwortlich zu fühlen und auch Mr. Beardsley nicht einfach seinem Schicksal überlässt. Auch Jamies hingebungsvolle Liebe, die er für Claire empfindet, wird in dieser Folge sehr gut porträtiert, was besonders Jamies Gebet, das er für seine schlafende Claire zu Beginn der Folge spricht, zeigt. Ein sehr gelungener und  einfühlsamer Augenblick, der mich emotional direkt in die zweite Staffel zurückkatapultiert, denn auch dort, in Folge 211, betet Jamie für Claire. Wie schon damals, liebe ich diese zärtliche und berührende Sequenz auch in der heutigen Episode, denn sie sagt über die Beziehung der beiden  mehr aus, als tausend Worte und auch über das, was sie sich bedeuten. All die wundervollen Jahre ihres Zusammenseins und auch die schweren Jahre ihrer Trennung haben an ihren Gefühlen füreinander nichts geändert.
Auch meine Buch-
Claire finde ich in dieser Episode wieder, denn sie zeigt sich für ihren medizinischen Bereich verantwortlich und überlässt Jamie seinen Verantwortungsbereich. So arbeiten beide in dieser Folge Hand in Hand zusammen – und nicht gegeneinander, wie wir es das ein oder andere Mal leider in der Serie erlebt haben (mit fällt spontan dazu ein Pfefferminzlikör ein) – und sie ergänzen sich perfekt. Claires Entscheidung, Jamie auf seine Reise nach Hillsborough zu begleiten, steht ganz im Einklang mit ihrem Charakter, denn ja, sie werden einen Arzt auf dem Schlachtfeld brauchen, aber noch wichtiger ist das, was sie nicht mit Worten sagt, aber Jamie auch so versteht – dass sie immer an seiner Seite sein wird, wenn er das tut, was er tun muss, so wie er sie immer unterstützen wird, wenn sie das tut, was sie tun muss.

Viele Charaktere in dieser Folge treffen, analog zum Episodentitel “Free Will”, mit ihrem freien Willen Entscheidungen – zum Beispiel Claire, die ungefragt Fanny und Mr. Beardsley hilft oder Jamie, der Mr. Beardsley seinen letzten Willen erfüllt oder Fanny, die ihr Baby verlässt und auch Josiah und Keziah, die ihr Leben ab sofort auf FR leben werden. All diese meist freien Entscheidungen stehen im Kontrast zu den Entscheidungen, die die Charaktere nicht freiwillig getroffen, aber trotzdem die Konsequenzen dieser am eigenem Leib gespürt haben, wie die Beardsley Zwillinge und Fanny, die alle drei gegen ihren Willen bei Mr. Beardsley leben mussten. Nicht nur der freie Wille eigene Entscheidungen, mit allen Konsequenzen und Auswirkungen, treffen zu können, dürfen und auch zu müssen, ist ein zentrales Thema dieser Folge, sondern auch die Notwendigkeit, sich für Entscheidungen anderer niemals verantwortlich zu fühlen, so wie es Claire zu Jamie mit den Worten “You can’t feel responsible for the choices others make” am Anfang der Folge sagt. Aber auch, wenn Claire grundsätzlich Recht hat, lastet die Verantwortung schwer auf Jamies Schultern und Sam ist wirklich exzellent in der wortlosen Darstellung dieser Schuld, die Jamie sich zu all den anderen Dingen, für die er sich verantwortlich fühlt, aufbürdet.

 

Erinnerungen an längst vergangene Zeiten
In dieser Folge gibt es viele Szenen, die an die letzten Staffeln erinnern, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Als erstes fällt mir spontan der Moment ein, in dem Jamie mit seinen Männern abends am Lagerfeuer sitzt. Diese Szene erinnert mich sehr an die Lagerfeuerszene in „Rent“ in der ersten Staffel, wenn Dougal mit Jamie und den anderen Highlander, wie den schmerzlich vermissten Rupert und Angus, in fröhlicher Runde sitzt. Der einzige Unterschied ist, dass Claire diesmal ein akzeptiertes und respektiertes Mitglied der Gruppe ist. Auch gibt uns diese Szene endlich das, worauf ich schon eine Ewigkeit warte – ein “Mac Dubh” und damit den Beweis, dass Jamie seinen Leuten aus Ardsmuir ein Heim und eine Zukunft auf FR bietet.

Auch Jamies Bitte an Claire, das Brandzeichen auf Josiahs Hand zu entfernen, reißt nicht nur bei Jamie alte Wunden auf. Kaum, dass er diesen Satz ausgesprochen hat, erscheint vor meinem geistigen Auge der Moment in der Abtei, in der Murtagh aus Jamies Brust das Siegel von BJR herausschneidet. Ein symbolträchtiger Augenblick, denn obwohl Jamie die körperliche und seelische Folter und der Missbrauch gebrochen und seine Seele bis auf die nackte Haut entblößt hat, hat es BJR am Ende nicht geschafft, Jamie zu zerstören. Claires unerschütterliche und bedingungslose Liebe zu ihrem Mann und ihr unermüdlicher Kampf um sein Leben haben Jamie die Kraft und den Mut gegeben, seinem entblößten Ich für den Anfang einen Unterstand zu bauen und die innere Festung, die BJR in Schutt und Asche gelegt hat, Stein für Stein wieder zu errichten.

Der Vogelschwarm, bestehend aus Wandertauben, der am Ende der Folge fast den Himmel verdunkelt, ist ein weiterer Moment, der uns an vergangenen Zeiten erinnert, denn auch in Folge 111 „The Devil’s Mark“ sieht Claire aus dem Kerkerloch einen Vogelschwarm (ich glaube, es waren Stare) über sich hinwegfliegen. Wusstest ihr, dass die Wandertauben noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu den häufigsten Vogelarten zählten? Sie brüteten in riesigen, teils mehreren hundert Quadratkilometer umfassenden Kolonien im Osten Nordamerika und durchzogen in heute unvorstellbaren riesigen Schwärmen das Land, so wie es in dieser Episode als Special Effect zu sehen ist. (Quelle zur Wandertaube Wikipedia)

Briannas “I feel like Scarlett O’Hara, all the men leaving the plantations.” ist zwar keine direkte Andeutung an eine vergangene Folge, aber mich erinnert sie an meinen „OL-Vom-Winde verweht-Moment“, den ich am Ende von Staffel 2 hatte, als der Sonnenaufgang über dem CnD den Moment begleitete, in dem Claire erfährt, dass Jamie Culloden überlebt hat und sie sagt, dass sie zurückgehen muss.

 

Was sonst noch erwähnenswert ist
Wer von euch hat noch das Gefühl, dass der Zettel, den Fergus von Claires Stapel mit Notizen genommen und auf dessen Rückseite er Jamies Aufruf an seine Pächter geschrieben hat, Claire und vielleicht auch noch anderen Bewohnern auf FR zum Verhängnis werden könnte?

Mit dem Bonnet Theme in der Szene, in der Jamie Claire von Bonnets Überleben berichtet, hat Bear wieder einmal seine Brillanz und sein Talent gezeigt. Er erschafft nur aus Tönen eine Atmosphäre, die Bonnets unberechenbaren und gefährlichen Charakter mehr als passend wiedergibt und jedes Mal, wenn ich diese Melodie höre, vermittelt sie mir ein gruseliges Gefühl. Ich bin sehr dankbar, dass es diesen Moment zwischen unseren Protagonisten gibt, denn sie haben, nach den furchtbaren Verwechslungen in der letzten Staffel, ihre Konsequenzen gezogen – niemals mehr werden sie sich wichtige Informationen vorenthalten.

Die kurze Sequenz, in der wir einen Einblick in das tägliche Leben auf FR bekommen, angefangen über den Bau am großen Haus bis hin zum Zerteilen von Fleisch, hätte meiner Meinung nach noch stundenlang weitergehen können, denn es gibt für mich nichts entspannenderes, als diese Szenen zu beobachten. Perfekt wären diese Augenblicke gewesen, wenn Bear sie mit dem FR Theme untermalt hätte.

Ich liebe diesen kleinen Dialog zwischen Claire und Fanny, in dem sie sich namentlich vorstellen und vor allem Claires Gesichtsausdruck, der ihre Worte “Only to my husband.” begleitet, wenn Fanny sie fragt, ob ihr Name „Sassenach“ ist – einfach ein bezaubernder Moment, vor allem Claires strahlende Augen und Jamies kleines Lächeln, wenn beide an das denken, was dieser Name für sie, seit der Zeit auf Leoch, bedeutet.

Und last but not least der Spiegel, den Claire für die Untersuchung von Keziahs Innenohr verwendet – kommt euch der nicht bekannt vor? Wahrscheinlich ja, und wenn Father Fodgen gewusst hätte, das sein Spiegel irgendwann einmal Claire als medizinisches Instrument dienen könnte, dann hätte er ihr diesen bestimmt freiwillig gegeben und sie hätte ihn gar nicht entwenden müssen. Übrigens verdankt ihr diese „Erinnerung“ meiner lieben Freundin Vera, denn sie hat gestern bei unserem gemeinsamen OL-Gucken diese Verbindung hergestellt.

 

Die Essenz in dieser Folge
Auch wenn so viele andere Dinge in „Free Will“ passieren, stehen Jamie und Claire und die Geschichte der Beardsley, und deren Auswirkungen auf unsere Protagonisten, im Mittelpunkt der Episodenhandlung. Es ist schön, sie nach der letzten Folge wieder zusammen zu sehen, denn auch im Buch mag ich die Passagen, in denen sie voneinander getrennt sind, nicht so gerne lesen, wie diese, wenn sie zusammen sind. Vor allem ist es wundervoll, unsere Protagonisten  als eine Einheit und als gleichwertige Partner zu erleben. 

Der Moment, wenn Jamie aus Hillsborough nach FR zurückkehrt und die Kamera eine Weitwinkelaufnahme des großen Hauses und dessen Umgebung zeigt, ist atemberaubend schön. Auch mag ich es sehr, dass Jamie am Rande des Hügels sein Pferd anhält, um einen Augenblick diese Aussicht und das Gefühl, nach Hause zu kommen, auf sich wirken zu lassen. 

„Jede Heimkehr war für ihn mit einem gewissen Gefühl der Nervosität verbunden. Nach dem Aufstand hatte er jahrelang in einer Höhle gelebt und sich seinem Haus nur ganz selten genähert, stets nach Anbruch der Dunkelheit und mit großer Vorsicht, denn er wusste nie, was er dort vorfinden würde. Mehr als ein Highlandmann war schon zu seinem Haus heimgekehrt, um es verbrannt und verkohlt vorzufinden, seine Familie verschwunden. Oder schlimmer, immer noch an Ort und Stelle. Es war ja schön und gut, wenn man sich einredete, man solle den Teufel nicht an die Wand malen; das Problem war, dass er sich gar nichts einzubilden brauchte – seine Erinnerungen reichten aus.“

(aus „Das flammende Kreuz “ Kapitel 18 „Daheim ist es am schönsten“ von Diana Gabaldon)

Diese Zeilen aus dem Buch beschreiben Jamies Gemütszustand bei seinem „Nach-Hause-Kommen“ in der Serie sehr treffend, da er, wenn er Claire schlafend und vor allem wohl auf in ihrem Bett vorfindet, für dieses Glück, dass alles in Ordnung ist, Gott durch ein Gebet dankt.

Habt ihr diesen Blick gesehen, den Jamie Claire in der Hütte der Beardsley zuwirft, wenn diese in bekannter Claire Manier Fanny mit ihren Fragen bedrängt? Jamie sagt in diesen wenigen Sekunden zwar nichts, aber sein Blick erzählt fast schon eine Geschichte, denn wortlos spricht er zu Claire: “Sassenach, bitte sei still! Bitte mach` es nicht noch schlimmer, als es schon ist. Wir holen nur die Papiere und dann gehen wir wieder. Es ist egal, warum die Ziegen im Haus wohnen dürfen oder warum es hier so stinkt. Wir brauchen nur diese Papiere und dann sind wir auch gleich wieder weg. Also, bitte!!!”. Und Claire? Claire versteht, was Jamie ihr mit seinem Seitenblick sagen will und hält sich an das, um was er sie bittet – für ungefähr eine Minute, bis sie ihre Claire-Neugier nicht mehr zügeln kann und in Jamies Abwesenheit den Dachboden erkunden muss.

Der Anblick des abgemagerten, schwerkranken und misshandelten Mr. Beardsley ist schwer zu ertragen und da ich als BL von Anfang weiß, was dieser Mann seinen Mitmenschen alles angetan hat, fällt es mir schwer, das Gefühl des Mitleides, das immer wieder in mir aufkommt, zuzulassen. Claires Frage „What you must have done to deserve this.“  trifft genau diesen Nerv in mir und ich muss über den tieferen Sinn ihrer Worte nachdenken. Welche Grausamkeiten muss man begangen haben, um so unbarmherzig behandelt werden zu dürfen? Wie viel Leid muss man hervorgerufen haben, dass man selbst keines Mitleides wert ist? Hat man als Mensch seinen Anspruch auf seine eigene Würde verwirkt, wenn man selbst andere Menschen menschenunwürdig behandelt hat? Hat man selber kein Recht auf Gnade, wenn man niemals gnädig gewesen ist? Da die Erörterung dieser moralischen Fragen den Rahmen meiner Review sprengen würde und wir uns dann weit vom Thema weg, eher auf philosophischen Wegen, befinden würden, überlasse ich es jedem selbst, sich diesem moralisch schwierigem Thema zu widmen und für sich seine persönliche Antworten zu finden.

Am Ende dieser Folge befindet sich Jamie und seine Möglichkeit, eine Entscheidung für Mr. Beardsley zu treffen, im Fokus. Jamies Handeln wird ganz dem Episodentitel “Free Will” gerecht, denn er überlässt Mr. Beardsley die Wahl für ein qualvolles Weiterleben oder für einen gnadenvollen Tod, den in Jamies Augen jedes Lebewesen verdient hat. Jamie weiß so gut wie jeder, der diese Folge gesehen hat, dass ein Überleben von Mr. Beardsley nahezu unwahrscheinlich ist und wenn, dieser schon aufgrund seiner Lähmungen durch den Schlaganfall kein menschenwürdiges Leben mehr führen könnte. Daher beschönigt Jamie nichts, wenn er für  Mr. Beardsley offen, ehrlich und schonungslos dessen Situation analysiert und ihm seine Optionen darlegt, so dass Mr. Beardsley sich am Ende für einen schnellen und würdigen Tod entscheidet.

Jamie ist von all den Vorkommnissen im Haus der Beardsley sehr betroffen und auch, wenn er schon viel Leid und Elend in seinem Leben gesehen und das ein oder andere Leben genommen hat, lastet das, was er in der Beardsley Hütte erlebt hat, schwer auf seiner Seele. Vor allem holen ihn die Dämonen seiner Vergangenheit ein, denn Jamie fühlt sich immer noch für den Tod seines Vaters verantwortlich und die Wunde, die sein Verlust in seinem Herzen hinterlassen hat, ist auch nach all den Jahren nicht verheilt und wird es wohl auch niemals sein. Jamie sieht das erste Mal mit eigenen Augen, was ein Schlaganfall bewirken kann und es erschüttert ihn bis ins Mark, dass ein Schlaganfall, hingegen seiner langjährigen Meinung, nicht automatisch zum Tode führt, sondern ein qualvolles Überleben zur Folge haben kann. So hofft er inständig, dass sein Vater nicht hat leiden müssen, denn dieser Gedanke und die Vorstellung, dass sein Vater so ein Schicksal erlitten hat, wie Mr. Beardsley, ist für ihn unerträglich und würde ihn noch mehr belasten, als das, was ihm eh schon seit dreißig Jahren in Bezug auf den Tod seines Vaters zusetzt. Niemand möchte so wie Mr. Beardsley enden und angesichts dessen, dass Jamie vielleicht irgendwann ein ähnliches Schicksal treffen könnte, bittet er Claire mit seinen Worten “Swear to me, Claire if it should one day fall to my lot as it did to my father swear to me that ye will give me the same mercy that I gave that wretch.” um das Unvorstellbarste. Wie kann Jamie von Claire verlangen, ihn sterben zu lassen, wenn sie doch einen Eid geleistet hat, Menschen zu retten? Wie kann Jamie von Claire verlangen, ihn, wenn die Zeit gekommen ist, gehen zu lassen, wenn er doch weiß, was es bedeutet, ein Leben ohne die Eine, die Seelenverwandte, zu führen? In meinen Augen hat Jamie jedes Recht dazu, denn es gibt niemanden auf dieser Welt, dem er mehr vertaut, als seiner Frau und was liegt dann näher, als ihr nicht nur sein Leben, sondern auch die Entscheidung über die Art zu Sterben anzuvertrauen. Er weiß, auch wenn er das Unmögliche von Claire verlangt, wird sie genau das tun, was getan werden muss, denn er vertraut blind auf ihre Stärke und auf ihre Liebe zu ihm, auch wenn es für Claire in letzter Konsequenz bedeuten könnte, ihren über alles geliebten Ehemann durch die eigene Hand gehen zu lassen. Ein sehr bewegender Moment und wir werden uns, bereits schneller als uns lieb ist, an diesen Augenblick erinnern müssen. Ich hoffe sehr, dass die Serienverantwortlichen auch dieses bewegende und emotionale Ereignis mit der gleichen sensiblen Art erzählen werden, wie diese Folge.

Die zentrale Frage in dieser Staffel lautet, wie weit Jamie und Claire gehen werden, um ihre Familie zu beschützen und wie schon zuvor in den letzten beiden Folge, finden wir dieses zentrale Thema auch in dieser Folge wieder. In der Hütte der Beardsley erfahren wir, wie groß Claires Opferbereitschaft in Bezug auf ihre Familie ist, denn sie würde ein gemeinsames Leben mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und ihrem Enkelkind für deren Sicherheit opfern und auch, wenn es ihr Herz bricht, Roger in seiner Entscheidung zurückzugehen, jederzeit unterstützen. Vielleicht können wir Claire und Roger nach dieser Folge besser verstehen, denn diese Zeiten in der Wildnis North Carolinas und mit dem schwelenden Regulatoren-Aufständen und dem kommenden Unabhängigkeitskrieg, sind schwierig und stecken voller Gefahren. Für Jamie hingegen wiegt all das nicht genug, denn seine Worte “Well, perhaps it would be safer in your time. But they would be without their family, without their blood.” zeigen uns, dass, obwohl auch er sich der Gefahren seiner Zeit durchaus bewusst ist und sie auch nicht unterschätzt, diese in keinem Verhältnis zu der Option stehen, Brianna und ihre Familie gehen zu lassen und niemals wiedersehen zu können. Vielleicht kann er diese Entscheidung, die er damals für Claire und sein ungeborenes Kind am CnD getroffen hat, nicht noch einmal treffen. Vielleicht ist er nicht stark genug, die MacKenzies gehen zu lassen, jetzt, wo er weiß, wie es sich anfühlt, mit seiner gesamten Familie zusammen zu sein. Vielleicht ist die Vorstellung ohne seine Tochter und seinen Enkelsohn leben zu müssen, für ihn einfach undenkbar, weil er nach mehr als zwanzig Jahren endlich das gefunden hat, was er sich immer gewünscht hat – ein Heim, Menschen, die ihm vertrauen und eine Familie, die er nicht nur aus der Ferne lieben kann, sondern die er jeden Tag in seine Arme schließen darf. Vielleicht sind das alles Gründe, warum er die MacKenzies im Moment nicht gehen lassen kann. Aber wir BL wissen, dass, wenn es darauf ankommen wird, er sie gehen lassen wird und nicht nur seine Tochter, seinen Schwiegersohn und seine Enkel, sondern auch Claire diese Option erneut anbietet. Und so ist in dieser Folge Jamies Entscheidung, dass er sich für ein Bleiben der MacKenzies ausspricht, vielleicht mutiger und zeugt von mehr Stärke, als sie gedanklich durch die Steine in ihrer Zeit zurückzuschicken, denn Jamie wird sich, falls ein Unglück seine Familie heimsuchen wird, immer dafür verantwortlich fühlen.

Die gesamten sechzig Minuten Sendezeit könnten auch als Anschauungsmaterial für den Philosophieunterricht genutzt werden, wenn es darum geht, den freien Willen als solchen und seine Auswirkung auf andere, zu diskutieren bzw. die Frage zu erörtern, wie frei wir in der Ausübung unseres Willens letztendlich wirklich sind. So verwundert es mich nicht, dass Jamies Worte “May God forgive us”, die er zu Mr. Beardsley kurz vor dessen Tod sagt, mich noch lange nach dem Ende dieser Folge beschäftigen. Ich bin zwar nicht sehr gläubig, aber Jamies Aussage macht mich trotzdem nachdenklich, denn wir alle müssen uns irgendwann für unsere Taten und Entscheidungen verantworten und müssen uns dem stellen, was wir mit unseren Entscheidungen bewirkt haben. Wir müssen uns in letzter Konsequenz fragen, ob die eine oder andere unserer Entscheidungen gerechtfertigt war und ob sie es wert gewesen ist, wenn sie andere Menschen beeinflusst, emotional getroffen oder anderweitig betroffen gemacht hat. Wir Menschen sind zwar mit einem freien Willen geboren, aber vergessen leider allzu oft, diesen auch verantwortungsvoll zu nutzen und daher sollten wichtige Entscheidungen niemals leichtfertig und überstürzt getroffen werden. Jedesmal, wenn wir mit unserer Entscheidung ein kleines Zahnrad am perfekt abgestimmten Uhrwerk des Lebens drehen, wissen wir nicht, was diese kleine Stellschraube am großen Ganzen für Auswirkungen haben wird und ob das sensible Gleichgewicht, in dem wir uns im Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen befinden, nicht aus den Fugen geraten kann.

Je suis prest!

@ Yvonne Pirch


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