Episode 508: Famous last Words

 

Episode 508
Famous Last Words

Drehbuch: Danielle Berrow
Regie: Stephen Woolfenden

„But what mattered was the last face I saw.“
(Roger MacKenzie)

 

 

 

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Spoiler. Nicht nur Spoiler zur Serie und der aktuellen Folge, sondern auch zu allen Büchern von Diana Gabaldon, die bis zum heutigen Datum erschienen sind.

Für mich ist eine Serie nur dann wirklich sehens- und liebenswert und hinterlässt einen bleibenden Eindruck, wenn sich vor meinen Augen nicht nur eine Handlung abspielt, sondern die Story Emotionen bei mir hervorruft – ich möchte nicht nur zusehen, wie etwas passiert, sondern ich möchte es fühlen können und eine echte Verbindung zwischen den Charakteren spüren. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich all das und noch viel mehr in dieser Folge wahrgenommen habe, so wie eigentlich immer, wenn ich OL sehe und lese. Sowohl Dianas Bücher als auch die Serie bestechen wieder und wieder durch die realistische Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Serie zeigt sich immer dann von ihrer besten Seite, wenn sie sich auf die Interaktionen unserer Protagonisten konzentriert. Danielle Berrow hat meiner Meinung nach, mit ihrem ersten Drehbuch für Outlander gleich zu Beginn ins Schwarze getroffen. Auch Stephen Woolfenden hat seine erstklassige Regiearbeit der letzten Folge weitergeführt und einige interessante, dramaturgisch unterstützende Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel den Fokus auf Rogers Gesicht zu legen, wenn er von Claire untersucht wird und sich diese im Anschluss mit Brianna unterhält.

Bei all den herausragenden Talenten, mit denen uns das Casting-Department in der Vergangenheit immer reich beschenkt hat, ragen diese Woche ganz besonders John und Richard heraus. Ich weiß, dass ich zu Anfang der Casting-Bekanntgabe von John Bell so meine Zweifel hatte, ob sein Talent für die Herausforderungen, die diese Rolle an ihn stellt, reichen wird. Bereits in Staffel 4 bin ich eines Besseren belehrt worden, denn John hat meine Erwartungen damals schon mehr als erfüllt und ich bin wirklich sehr beeindruckt, mit welcher Bandbreite an schauspielerischem Talent er seinen Charakter in dieser Folge, im Vergleich zu dem YI aus den vorangegangenen Staffeln, präsentiert.
So wie letzte Folge Sams Episode gewesen ist, gehört diese Richard – nicht nur inhaltlich, sondern auch schauspielerisch, denn Richard kann in diesen 60 Minuten Sendezeit die gesamte Bandbreite seines Talents zeigen. Kein Wunder also, dass es seine Lieblingsfolge ist, von der er sagt, dass sie an ihn und an seinen Charakter die größte Herausforderung in dieser Staffel gestellt hat. Richard Performance des stark traumatisierten Rogers ist sehr bewegend und für mich oftmals nur schwer zu ertragen. Ich muss mich die meiste Zeit über zusammenreißen, dass ich nicht vor aufkommenden Mitgefühl zerfließe, insbesondere in den Augenblicken, wenn Roger versucht seine Stimme zu benutzen. Ich bin zu Tränen gerührt, wenn er mit dem, was von seiner wunderschönen Singstimme übrig ist, “Clementine” krächzt oder wenn er vergeblich versucht, Young Ian seinen Dank auszudrücken oder wenn er weinend über einem Stück Holzarbeit zusammenbricht, weil nun Brianna für Jemmy singen muss. In einigen Momenten ist Richards Gesicht so still, so reglos, dass man auf den ersten Blick meinen könnte, mit Roger sei alles in Ordnung. Einzig seine Augen zeigen die Qual, die sein Charakter hinter dieser Maske durchlebt und das ist etwas, was nur wenige Schauspieler in dieser Form so zeigen können.
Daher haben meiner Meinung nach sowohl John als auch Richard für ihre Performance in dieser Folge alle Adwards dieser Welt verdient, vor allem in der Kategorie “nonverbale Kommunikation”.

Unter emotionalen Gesichtspunkten gehört diese Folge zu denen, die sowohl den Darstellern, als auch uns Zuschauer Großes abverlangt, aber zusätzlich besticht sie durch eine noch nie dagewesene Stimmung, die ich beim Zuschauen wahrgenommen habe. Es fällt mir schwer, diese in Worte zu fassen, denn es ist etwas, was unterschwellig mitschwingt – eine Art von Düsternis, andauernder Trauer und das Gefühl, dass nichts und niemand so ist und sich so verhält, wie wir es sonst gewohnt sind. Einfach ausgedrückt, fühlen sich unsere Charaktere in der Lebenssituation, in der sie sich befinden nicht wohl und genauso unwohl und fehl am Platz habe ich mich heute beim Anschauen der Folge gefühlt. Obwohl sich das vielleicht erst einmal negativ anhören mag, ist es das größte Kompliment, was ich allen, die zu dem Gelingen dieser Folge beigetragen haben, machen kann, denn das, was sich in dieser Episode auf der Gefühlsebene abspielt, ist eins zu eins bei mir, in meinem Wohnzimmer, angekommen und dafür bin ich unendlich dankbar.

Erinnerungen in schwarz-weiß
Bevor ich in meiner Review ins Detail gehe, muss ich definitiv die Stummfilm-Teile, in denen Rogers Flashbacks gezeigt werden, kritisch begutachten. Die Meinungen in diversen Fangruppen gehen sehr weit auseinander und es hat schon die ein oder andere konstruktive Diskussion gegeben – das, was sich herauskristallisiert ist, entweder man mag die Schwarz-Weiß-Sequenzen oder man findet sie unpassend.
Als BL finde ich den künstlerischen Gedanken, der hinter diesen Filmausschnitten steckt, großartig und auch das, was durch diese Filmchen in uns Zuschauern ausgelöst wird, ist den Serienverantwortlichen sehr gut gelungen. Wie so manches Mal in anderen Situationen auch, kann man in Bezug auf die Stummfilm-Sequenzen das große Ganze und die Komplexität, wie alles zusammenhängt, erst wirklich am Ende dieser Folge erkennen und verstehen. Von mir bekommen die Serienverantwortlichen ein ganz klares „Ja“ für den Einsatz dieses Stilmittels, denn ich finde diese außergewöhnliche Idee wunderbar passend, obwohl ich zu Anfang der Folge sehr irritiert und skeptisch gewesen bin und mich die Art und Weise, wie Rogers Rettung und Überleben filmisch dargestellt wird, überrascht hat. Aber je öfter ich durch diese Filmfetzen in Rogers Kopf schauen darf und an seinem Trauma teilhaben kann, desto besser hat mir dieses noch nie zuvor gesehene Stilmittel zur filmischen Darstellung von Flashbacks gefallen. Richtig „rund“ wird das Ganze dann mit Rogers letztem Erinnerungsfetzen an der Klippe, wenn er sich für das Leben entscheidet und seinem ganz persönlichen Stummfilm durch Briannas Gesicht entfliehen kann. Jede dieser Schwarz-Weiß-Sequenzen zeigt uns Rogers Hängen aus seiner Perspektive und lässt uns dadurch direkt an dem Teilhaben, was ihm an diesem 16. Mai 1771, nach der Schlacht von Alamance, zugestoßen ist. Auch die vielen Wiederholungen der letzten Minute im alten Leben von Roger Mac haben dazu beigetragen, dass wir Zuschauer uns in seine Situation hineinversetzen können und haben uns seine traumatische Erfahrung und die daraus resultierenden PTBS durch den vermeintlichen Verlust seiner Stimme effektiv nahegebracht. Obwohl jedes Filmchen auf den ersten Blick dieselbe Situation immer und immer zu zeigen scheint, ist doch keines so, wie das vorherige, denn jeder Schwarz-Weiß-Schnipsel verschafft uns einen noch detaillierteren Eindruck von dem, was Roger widerfahren ist.
Wenn ich zu den NBL gehören würde, dann hätte ich absolut gar nichts an den Stummfilmchen auszusetzen gehabt, aber so gibt es für mich leider einen Wermutstropfen –  ich hätte die Szene, in der Jamie Roger vom Seil schneidet und feststellt, dass er noch lebt, lieber nicht als Stummfilm gesehen, noch hätte ich Jamies Worte „You are alive. You are whole. All is well.“ nicht lesen wollen, denn diese Sätze sind so bedeutend und so emotional, dass sie für mich durch die Art und Weise, wie sie in der Serie präsentiert werden, viel von ihrer Kraft und Intensität verloren haben. Ich hätte die Aufregung, die Panik und die Angst, die in den ersten Minuten nach Rogers Rettung unter den Frasers herrscht, lieber gehört, als sie in einem Stummfilm zu sehen. Daher wäre dieses Stilmittel für mich dann perfekt gewesen, wenn die Serienverantwortlichen diesen eben erwähnten Teil von Rogers Rettung auf die übliche Weise erzählt und sich nur für Rogers Flashbacks für die Schwarz-Weiß-Filmchen entschieden hätten, denn dort wirken sie, wie schon erwähnt, effektiv und die Idee ist und bleibt trotz meiner Kritik brillant.

Was sonst noch wichtig ist
Diese Folge beinhaltet so viel Schmerz, Verlust und Trauer, dass auch Jocastas Abschied von Murtagh sich sehr gut in die Handlung einfügt und ich froh bin, dass sie im Kreise ihrer Familie ihre Trauer ausdrücken kann. Auf River Run und in den Kreisen der elitären Gesellschaft der Provinz North Carolinas kann Jocasta ihren Schmerz nicht zeigen, aber in der Gesellschaft ihrer Lieben kann sie offen ihre Gefühle über den Verlust ihres geliebten Partners ausdrücken und mit Jamie und allen Mitgliedern der Fraser Familie darüber sprechen, denn jeder weiß, was ihr Murtagh bedeutet hat. Genau wie bei Jamie bestimmt das Maß und die Intensität der Trauer nicht die familiäre Beziehung, die man zu einem Menschen hat, sondern das, was dieser einem bedeutet – unabhängig davon, ob es der Ehemann oder der Vater oder “nur” der Geliebte oder “nur” der Patenonkel gewesen ist. An Murtaghs Grabhügel, der vermutlich von Jamie errichtet wurde, verabschiedet sich Jocasta von dem Mann, den sie so gerne zu ihrem Ehemann genommen hätte, wenn da nicht der traumatische Verlust ihrer Tochter gewesen wäre und sie trägt als Andenken an Murtagh das Luckenbrooth um den Hals, das er ihr bei ihrer letzten Begegnung, die so schmerzlich endete, geschenkt hat. Wenn sich Jocasta von ihm mit einem wundervollen Lied verabschiedet, laufen mir die Tränen übers Gesicht, denn nicht nur die Frasers, sondern auch ich bin immer noch schockiert von dem, was in Alamance passiert ist.
Übrigens heißt das Lied, das Maria mit ihrer wundervollen Stimme singt „The Flowers of the Forest“ und es ist ein traditionelles schottisches Volkslied, das der Niederlage der Schotten in der Schlacht von Flodden im Jahre 1513 gedenkt. In der heutigen Zeit wird es in Schottland oft auf Beerdigungen, aber auch in Gottesdiensten zum “Remembrance Day” gespielt. Den Liedtext findet ihr hier.

Ein wirkliches Highlight in dieser düsteren Folge ist der Besuch von LJ auf FR, der nicht nur bei mir ein bisschen die Stimmung hebt, sondern auch den Frasers etwas Freude und Abwechslung in diese bedrückende und sorgenvolle Zeit bringt. Ich liebe nicht nur die besondere Freundschaft zwischen Jamie und LJ, sowohl in Dianas Büchern als auch in der Serie, sondern auch dieses individuelle Band, das LJ und Brianna seit ihrer Zeit auf River Run verbindet. Jede Szene mit David ist es wert, gezeigt zu werden und so bin ich dankbar, dass LJ, nicht wie im Buch aus der Ferne ein Astrolabium für die Landvermessung der Frasers schickt, sondern dieses zusammen mit Tryons Angebot von 5.000 Morgan Land für die MacKenzies persönlich überbringt. LJ kann durch seine Anwesenheit den Frasers sein Mitgefühl in Bezug auf Murtaghs Tod ausdrücken, ihnen, und insbesondere Jamie, seine Freundschaft in diesen schwierigen Zeiten versichern und Brianna seine Unterstützung, in Form von aufmunternden und verständnisvollen Worten, anbieten.

Jamie 
Alle Charaktere in dieser Folge leiden auf irgendeine Art und Weise unter den Ereignissen, die vor drei Monaten während der Schlacht von Alamance passiert sind. Nicht nur für Roger, sondern auch für Jamie ist der 16. Mai 1771 wohl einer der schwärzesten Tage seines Lebens, denn nicht nur, dass er an diesem Tag seinen Patenonkel verloren hat, er fühlt sich auch für das, was seinem Schwiegersohn widerfahren ist und diesen so stark traumatisiert hat, dass er seit drei Monaten verstummt ist, verantwortlich.
Jamie hat bei Alamance einen der schwersten Verluste seines Lebens erlitten und wenn man die Trauer um einen geliebten Menschen überhaupt vergleichen kann, dann hat ihn Murtaghs Tod genauso stark getroffen, wie der Verlust seiner Mutter, seines Vaters und der von Claire, als er sie vor mehr als zwanzig Jahren durch die Steine zurück in ihre Zeit geschickt hat. Neither were we father and son. But that doesna make the pain any less or any easier to bear.” sagt Jamie zu Jocasta – so wie es für seine Trauer nicht wichtig ist, dass Murtagh nicht sein leiblicher Vater war, ist es auch für Jocastas Schmerz egal, dass Murtagh nicht ihr Ehemann gewesen ist. Am Ende zählt nur, was der Mensch, den beide verloren haben, ihnen bedeutet hat. Wie groß Jamies Schmerz auch nach all den Monaten, die seit Alamance vergangen sind, noch ist, sehen wir, nachdem er sich von seiner Tante verabschiedet hat und aus Trauer um Murtagh weinend auf den Treppenstufen seiner Veranda zusammensackt. In Gedenken an seinen Patenonkel holt er das Stück Fraser Tartan aus seiner Tasche, das Murtagh seit Culloden immer bei sich getragen hat und streicht liebevoll über das Luckenbrooth – ein Anblick, der mir das Herz bricht, da ich auf meiner Couch zu Untätigkeit verdammt bin, obwohl ich Jamie so gerne etwas Trost spenden würde. Wie tief Jamie Murtaghs Tod getroffen hat, können wir auch nachempfinden, wenn er nachts angetrunken nach Hause kommt und er scheinbar im Alkohol kurzfristig Trost und Vergessen gefunden hat. Aber diese Erlösung ist leider nur von kurzer Dauer, denn er fragt Claire “Is there a medicine for grief in your time?” Aber auch Claire kennt bedauerlicherweise kein Rezept, keine Mixtur, keinen Zaubertrank gegen Trauer, denn dagegen hilft auch im 20. Jahrhundert nichts anderes als die Zeit, die irgendwann den Verlust eines Menschen erträglicher macht und weniger schmerzvoll werden lässt. Manchmal hilft aber nicht einmal die Zeit, um die Trauer zu mildern, denn manche Verluste überwindet man nie, sondern man lernt nur damit zu leben und sie in seinen Alltag einzubinden, so wie Jamie und Claire, die nach Claires Rückkehr in die Zukunft zwanzig Jahre lang jeden Tag aufs Neue um ein bisschen Normalität und Lebensfreude kämpfen mussten.
Zusätzlich zu Jamies Trauer kommen noch seine Schuldgefühle hinzu, denn er fühlt sich für Murtaghs Tod mitverantwortlich, nicht nur, weil er nicht mit seinem Patenonkel Seite an Seite auf der “richtigen” Seite in der Schlacht von Alamance gekämpft hat, sondern auch, weil Murtagh durch einen seiner eigenen Männer, dem er noch wenige Stunden zuvor Anweisungen erteilt hat, wie man in einer Schlacht kämpft, erschossen wurde. Allein mit dieser Schuld, auch wenn sie in meinen Augen unbegründet ist, kann Jamie schon schwer leben, aber dass Murtagh sein Leben für seines gegeben hat, macht für Jamie das Gefühl der Schuld an den Umständen von Murtaghs Tod nahezu unerträglich. Und zu all dem, was Jamie wegen Murtaghs Tod auf seine Schultern geladen hat, belastet ihn zusätzlich noch Rogers, und damit verbunden auch das Leid seiner Tochter. Auf der einen Seite kann Jamie nur allzu gut nachempfinden, wie es ist, wenn man durch die Tat eines anderen Menschen seinen Lebensmut verliert und wie viel Kraft und Mut es kostet, sich nach so einer schrecklichen Erfahrung zurück ins Leben zu kämpfen. Auf der anderen Seite fühlt er sich für das Schicksal seines traumatisierten Schwiegersohnes verantwortlich, weil Roger mit seinem Einverständnis die Mission zur Rettung der Regulatoren übernommen hat und schlimmer noch, weil Jamie sein Versprechen, das er seinem Schwiegersohn beim “Call of the Clan” gegeben hat, ihn zu beschützen, gebrochen hat. Auch wenn es in den vergangenen Folgen nicht so aussah, achtet Jamie Roger und fühlt sich auch mit ihm verbunden, warum sonst würde er ihn immer bei seinem Spitznamen Roger Mac nennen? Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass Jamie für Roger keine Sympathie hegt, weiß er, wie viel sein Schwiegersohn seiner Frau und vor allem seiner Tochter bedeutet und dass Brianna Roger fast schon einmal durch sein Handeln verloren hätte.

Young Ian
Nach all der Tragik gönnt uns dieser kleine unbeschwerte Moment, in dem Jamie und Claire mit ihrem Enkel im Wald Verstecken spielen, eine kurze Auszeit von der depressiven Stimmung auf FR und den beiden stolzen Großeltern dabei zuzusehen, wie viel Freude sie beim Spielen mit ihrem Enkelkind haben, ist herzerwärmend. Aber dieser Moment von Harmonie und Glückseligkeit ist emotional für mich schneller vorbei, als es mir recht ist, denn ich muss daran denken, dass Jamie und Claire auch mit ihren Kindern so auf Lallybroch hätten herumtollen können, wenn es den Jakobitenaufstand und Culloden nicht gegeben hätte. Auch die Handlung der Serie gönnt uns nur einen kurze Verschnaufpause, denn schon sehen sich die Frasers Auge in Auge mit einem Wildschwein. Ich hatte zwar nicht mit der Rückkehr von Young Ian zu diesem Zeitpunkt gerechnet, denn im Buch kommt er erst zu einem späteren Zeitpunkt nach FR zurück, aber ich hatte letzte Woche beim Betrachten der Preview so eine Ahnung, dass die Szene im Wald mit Jamie, Claire und Jemmy der Moment sein könnte, in dem Young Ian nach Hause kommt.
Jamie und Claire sind überglücklich, aber es ist für uns Zuschauer zu erkennen, dass sich YI verändert hat. Es ist nicht nur, dass er äußerlich nicht mehr viel mit dem jungen Mann, den Jamie und Claire vor rund eineinhalb Jahren bei den Mohawks zurücklassen mussten, zu tun hat, denn er trägt die Kleidung der Mohawk, seine Haare sind bis auf einen Strang in der Mitte rasiert und in seinem Gesicht befinden sich Tätowierungen in Form von kleinen Punkten. Das ist nicht das Einzige, was sich auf den ersten Blick an YI verändert hat, denn er wirkt älter, reifer und seine Körperhaltung entspricht nicht mehr der eines schlaksigen und übermütigen Teenagers, sondern eher der eines Mannes, der die ganze Last der Welt auf seinen Schultern trägt. Auch seine Augen haben nichts mehr Unbeschwertes und Jugendhaftes, sondern in ihnen finden wir jetzt eine Ernsthaftigkeit und eine Traurigkeit, die ich so noch nie an YI gesehen habe, selbst in seiner Zeit in den Händen der “Bakra” alias Geillies Duncan nicht. Es scheint, als hätte YI all seinen Lebensmut, seine Energie, seine Liebe und das, was ihn ausgemacht hat, verloren und obwohl er von Jamie und Claire liebevoll und überschwänglich begrüßt wird, reagiert er kaum auf die große Freude seines Onkels und seiner Tante und auch dessen herzliche und liebevolle Umarmung vermag er nur unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft im Ansatz zu erwidern.
Trotz dieser ersten bedrückenden Begegnung scheint es so, als ob ein Teil des alten, des unbeschwerten und lebensfrohen YI noch in ihm wohnt, dieser Mensch aber ganz tief unter viel Leid und Schmerz begraben ist. Seine Reaktion in Form “It’s…big.”, wenn Jamie ihm das große Haus präsentiert, lässt etwas von dem Humor des alten YI durchscheinen, so dass ich unweigerlich über seine Aussage und seine Mimik, wenn er das Haus der Frasers in Augenschein nimmt, schmunzeln muss.
Aber dieser kurze Anflug von Normalität ist so schnell wieder vorbei, wie er gekommen ist und YIs Willkommens-Essen fällt eher nicht in den Bereich eines fröhlichen familiären Beisammenseins, sondern kann sich auf der Liste der schlimmsten Dinner-Partys im Hause Frasers im oberen Drittel einreihen und ich bin mir nicht sicher, ob es dem Dinner in Paris, zu dem der DoS, der Comte und BPC geladen waren, nicht den Rang abläuft. Während des Essens ist die Spannung spürbar und anstatt einer angeregten Unterhaltung, die normalerweise stattfindet, wenn ein schmerzlich vermisstes Familienmitglied nach fast zweijähriger Abwesenheit in den Kreis seiner Lieben zurückkommt und von seinen Erlebnissen erzählt, gibt es immer wieder peinliche Sprechpausen, in denen man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ein Großteil der Gespräche findet unter der Oberfläche statt, so dass nonverbal mit ausgetauschten Blicken mehr kommuniziert wird, als mit gesprochenen Worten. “They were good people.” ist YI einzige knappe Antwort auf Marsalis Frage, wie es ihm unter der Mohawks ergangen ist und seine einsilbigen Antworten ersticken jede weitere Nachfrage im Keim.
Das etwas mit seinem Neffen nicht stimmt, hat Jamie sehr schnell bemerkt, denn auch er sieht und fühlt, dass YI zum Mann geworden ist, aber er kann nicht verstehen, welches Ereignis seinen lebhaften, manchmal schelmisch wirkenden Troublemaker so verändert hat, dass er nicht nur körperlich gereift, sondern emotional um Jahrzehnte gealterte von den Mohawks zurückgekehrt ist. Genauso wie Roger scheint auch Jamies Neffe von seinen eigenen Dämonen verfolgt zu werden und auf der Veranda des großen Hauses kommt es zu einer ersten kleinen Aussprache zwischen Onkel und Neffen. YI ist aber noch nicht bereit, das, was seine Seele auffrisst, mit jemanden zu teilen, denn er sagt zu Jamie “I canna give you the truth of it now. I dinna have the words.” Jamie, der nur allzu gut weiß, was es heißt seinen Gefühlen einen Namen zu geben und wie viel Mut und Stärke es erfordert, die Dinge auszusprechen, die eigentlich unaussprechlich sind – nicht umsonst hat er nach Wentworth nur zögerlich gewagt, sich Claire zu öffnen oder hat in all den Jahren nach Culloden nur ein paar Mal von Claire erzählt, denn die Erinnerungen, die mit dem Klang ihres Namens verbunden sind, waren einfach zu schmerzlich – antwortet: “ I understand. But it makes me heartsick to see ye so troubled.”. Ich kann seine Worte sehr gut nachempfinden, denn als BL weiß ich, was YI widerfahren ist und wie tief seine Wunden sind und wie sehr sie ihn schmerzen und auch mir bricht es das Herz, ihn so zu sehen. Im Gegensatz zu mir ist Jamie, der zwar weiß, dass seinem Neffen etwas Furchtbares passiert sein muss, im Moment noch zu Unwissenheit verdammt und auch, wenn es für ihn sehr schwer ist, muss er geduldig sein, bis YI bereit ist, sich ihm zu öffnen.
“Bairns are only lent us for a short time by the Creator, if we’re lucky” sagt YI zu Marasli, wenn sie sich auf der Treppe des großen Hauses unterhalten und es ist das erste Mal, das NBL einen Hinweis erhalten, was mit YI nicht stimmen mag, denn der Blick in seinen Augen verrät mehr Wahrheit und persönliche Betroffenheit, als seine Worte auf den ersten Blick vermuten lassen. Und nach all dem, was YI bei den Mohawks erlebt hat, frage ich mich, ob es noch gerechtfertigt ist, ihn immer noch als Young Ian zu bezeichnen, denn er hat seine Jugend und seine Unbeschwertheit verloren. Aber trotz allem ist und bleibt er immer für mich Young Ian und daher, möge er es mir verzeihen, werde ich ihn auch weiter so nennen.

Roger
Der Rückblick in die Zeit von 1969 an die Universität von Oxford zeigt uns Roger, wie er als Professor agiert, wie er seine Berufung als Lehrer gelebt und wie er seinen Studenten mit viel Hingabe, Engagement und Herzblut Geschichte näher gebracht hat. Dies ist der Roger, der er immer sein wollte und der er schon allein durch die Tatsache, dass er Brianna durch die Steine in die Vergangenheit gefolgt ist, in den letzten Jahren nicht mehr sein konnte und vielleicht nach Alamance nie mehr sein kann, selbst wenn er mit Brianna und Jemmy wieder in seine Zeit zurückkehren wird. Roger wurde sein Stimme genommen und das Sprechen, das für ihn bis zu seinem Hängen eine Selbstverständlichkeit gewesen ist, fordert von ihm jetzt all seine Kraft. Ein kratziges Flüstern ist das Einzige, das seine Kehle trotz größter Anstrengung produzieren kann und Roger ängstigt und verunsichert all das. Wird er jemals wieder mehr als zwei Sätze am Stück sagen können, ohne dass ihm seine Stimme den Dienst versagt? Wird er jemals wieder vor einer Klasse stehen und unterrichten können, ohne dass seine Stimme ausfällt? Wird er jemals wieder für Jemmy “Clementine” singen können? Wird er irgendwann etwas anderes von Wert in die Gemeinschaft auf FR einbringen können, außer seiner Stimme?
Nur Rogers Leben zu retten und ihn zu heilen, war nicht genug. Sein Körper ist zwar auf FR anwesend, aber sein Ich, ist nicht von der Lichtung in Alamance zurückgekehrt. Er reagiert kaum auf die Anwesenheit seiner Familie, noch agiert er wirklich mit ihnen und hält die Menschen, die ihm helfen wollen und die um ihn besorgt sind, auf Abstand, sowohl durch sein Schweigen als auch dadurch, dass er sie nicht anschaut, wenn sie mit ihm reden. Roger hat sich in seine Welt des Schweigens zurückgezogen, in der sich die Erinnerungen an sein Hängen immer wieder wie ein Film abspielen. Ganz gewöhnliche Alltagssituationen, wie ein Seil, eine Tarotkarte, ein Lied gespielt auf der Gitarre, wirken wie ein emotionaler Play-Knopf und lassen den Film wieder und wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen. Bis jetzt hat weder Zeit und Geduld noch gutes Zureden und Bitten geholfen, um Roger aus seiner Dunkelheit zu befreien. So ist es kein Wunder, dass Brianna ihrer Mutter in einem Augenblick der Zweisamkeit gesteht, dass sie Angst hat, dass Roger nicht mehr zurückfinden wird, denn er droht ihr immer mehr zu entgleiten. „Have faith that you find him.“ rät Claire ihrer Tochter und es liegt auf der Hand, dass sie dabei an eine ähnliche Situation denken muss, die sie einst mit Jamie erlebt hat. Auch Jamie schien nachdem, was BJR ihm in Wentworth angetan hat, verloren und obwohl Claire ihm in der Abtei seinen Überlebenswillen zurückgeben konnte, hat es lange gedauert, bis ihn die Erinnerungen nicht mehr jeden Tag und jede Nacht eingeholt haben.
Auch wenn ich die Szene mit Marsali und den Tarotkarten als etwas überflüssig empfunden habe, erfüllt sie trotzdem ihren Zweck, denn sie deckt bildlich noch einmal Rogers größte Angst auf, dass er sowohl in den Augen der Menschen, die auf FR leben, als auch in den Augen seiner Familie und vor sich selbst für immer der gehängte Mann sein wird. Egal wie oft und wie hart er versucht, diesem Schicksal zu entkommen, wird er vielleicht am Ende immer wieder feststellen müssen, dass alles, was ihn ausgemacht hat, an diesem Tag in Alamance gestorben ist und nur noch das, was von seinen zerbrochenen Träumen und seiner zerstörten Seele übrig ist, der Inhalt seines zukünftigen Lebens sein wird.
Wusstet ihr, dass die Tarotkarte “der Gehängte” gar nichts mit dem Tod oder mit dem Sterben zu tun hat, sondern eine ganz andere Bedeutung hat – nämlich, dass man sich hilflos fühlt, dass die Dinge für einen auf dem Kopf stehen und das Licht ins Dunkle gebracht werden und auch dass man eine Situation neu betrachten muss.
Nachdem Roger seinen Sohn mit einem „Stop“, übrigens sein erstes Wort in den letzten drei Monaten, vor dem heißen Teekessel gewarnt hat, weiß Brianna, dass ihr Mann die physischen Voraussetzungen wiedererlangt hat, um sprechen zu können. Daher ermuntert sie ihn, weitere Worte zu sagen, egal wie sich diese anhören werden und egal wie seine Stimme klingen mag, denn sie nimmt ihn so an, wie er ist. Dieser Moment erinnert mich sehr an Jamie und Claire in der Abtei, wo Claire Jamie genau dasselbe gesagt hat, als er sie gefragt hat, warum sie ihn unter diesen Umständen überhaupt noch haben will. Brianna liebt Roger bedingungslos und daher ist es ihr egal, wie er sich verändert hat, wie sehr ihn die Ereignisse in Alamance traumatisiert haben – sie nimmt ihn an, unabhängig davon wie er ist, Hauptsache, er kommt zu ihr zurück. „I know how badly you were hurt, and how scared you must have been. But I went through something awful, too, something dark and ugly. And believe me, all I wanted to do was to crawl into a hole and die. And sometimes I still do. But I didn’t, and I don’t, because I have a husband and a son who still need me!“ – wow und Sprachlosigkeit, das ist meine Reaktion auf Briannas Monolog, denn es ist schlichtweg brillant, wie Sophie diesen mit Herzblut geschriebenen Dialog abliefert. Aber Roger ist lange nicht so beeindruckt, wie ich es bin, denn er zeigt nach Außen keinerlei Reaktion auf Briannas Worte und sitzt ihr wie ein Holzklotz gegenüber. Selbst dann, wenn Brianna ihn unter Tränen mit den Worten “Are you coming back? Are you going to fight for us?” um eine Reaktion anfleht, bleibt Roger nicht nur stumm, sondern er bleibt seiner Frau eine Antwort schuldig und schafft es nicht, sie ein einziges Mal in dieser ganzen Szene anzusehen, sondern blickt stumm und starr zur Seite, während ihm der Mensch, den er über alles liebt, seine Seele und seine größte Angst auf einem Silbertablett präsentiert.
Während Brianna mit dem Rest der Familie bei der schlimmsten Dinnerparty ever im Hause der Frasers YI Rückkehr feiert, sitzt Roger allein mit seiner Gitarre in der Hand auf dem Bett in seiner Hütte und versucht „Clementine“ zu singen. Mir bricht es das Herz, ihn so verlassen vorzufinden und ich kann seine Einsamkeit, die er nicht nur empfindet, weil Brianna allein zu ihren Eltern zum Essen gegangen ist, sondern die sein ständiger Begleiter in den letzten Monaten war, in seinen Augen lesen. Hingegen dem, was Brianna ihm vorgeworfen hat, bemüht sich Roger, er kämpft und versucht mit seiner Stimme, die kaum mehr als ein kratziges Flüstern ist, „Clementine“ zu singen. Aber er wird erneut von seinen Erinnerungen heimgesucht und so wie Clementine in dem Lied ist auch Rogers Stimme und sein Lebensmut gegangen, denn solange er all seine Kraft für den Kampf gegen seine Erinnerungen aufbieten muss, solange kann er den Mut, den er braucht, um Brianna seine veränderte Stimme zu zeigen, nicht finden. Roger weiß, dass er sprechen kann, aber seine Stimme ist aufgrund der Verletzungen, die das Seil hervorgerufen hat, rauh, kratzig und brüchig und auch unter der größten Anstrengung bekommt er nicht viel mehr als ein heiseres Flüstern heraus. Seine Stimme, die er schon sein ganzes Leben gehört hat, die ein vertrauter Teil von ihm gewesen ist, ist ihm auf einmal fremd und unheimlich. Ich kann sehr gut verstehen, dass er sich nicht traut, vor anderen zu sprechen, weil wenn er sich schon vor seiner eigenen Stimme fürchtet, wie würden wohl andere Menschen reagieren? Würde er Brianna enttäuschen und würde sie vor Mitleid in Tränen ausbrechen? Würde Jemmy sich vor seinem Vater ängstigen und vor ihm weglaufen, wenn er mit ihm spricht? Solange Roger den Verlust seiner Sprech-und Singstimme nicht akzeptieren kann, solange wird er nicht nach Vorne schauen können und wird den Schritt aus der Dunkelheit hinaus in das Licht eines neuen Lebens nicht wagen. Nichts und niemand, keine gut gemeinten Worte, kein Bitten und Flehen werden ihn dazu bringen, diesen ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen, sondern der Impuls, der Wille muss von ihm ganz alleine kommen und die Menschen, die ihn lieben, müssen dann für ihn da sein, um ihn aufzurichten, wenn er auf seinem Weg in ein neues Leben, zu einem neuen Ich, strauchelt. Sie müssen ihn ermutigen, wenn er keine Kraft mehr hat, einen Fuß vor den anderen zu setzen, dass er weitergehen muss, immer weiter, bis er endlich dort ankommt, wo er hin muss, um trotz des Verlustes seiner Stimme ein erfülltes Leben zu leben.

Roger und Ian
Wenn sich Roger und Ian das erste Mal seit Rogers Befreiung aus den Händen der Mohawks  gegenüberstehen, scheint es, als ob sie sich ohne Worte verstehen – zwei gebrochene Männer, die sich in die Augen sehen und fühlen was der andere fühlt, zwei Männer, die durch ein besonderes Band miteinander verbunden sind, denn YI ist damals für Roger bei den Mohawks geblieben, um seine Schuld an dem Mann seiner Cousine zu begleichen. Für Roger ist dieser Moment, wenn er YI gegenübersteht, ein ganz besonderer Augenblick, denn es ist eine Bürde weniger, die dieser arme, vom Schicksal gebeutelte Mann zu tragen hat, denn auch wenn er es niemals erwähnt hat, fühlt er sich dafür verantwortlich, dass Jamies Neffe damals im Austausch für ihn bei den Mohawks geblieben ist. Es bricht mir das Herz Roger nach Worten ringend zu sehen, wie er verzweifelt versucht, ein Wort des Dankes, ein Wort des Willkommens über seine Lippen zu bringen, aber diese ihm wortwörtlich im Halse stecken bleiben, egal wie sehr er sich anstrengt und egal wie sehr es sich wünscht, seiner Kehlen einen Laut zu entlocken. Im Gegenzug ist YI sehr erleichtert, dass Roger ihm verziehen hat und er versteht all das, was Roger ihm versucht zu sagen, auch ohne, dass er spricht, denn Rogers Augen sagen mehr als tausend Worte.
Sowohl Roger als auch YI haben eine schlimme Zeit hinter sich, aus der sie beide stark traumatisiert hervorgegangen sind und es ist von den Serienverantwortlichen meiner Meinung nach eine sehr gute Idee gewesen, diese beiden tief verletzten Männer auf ein gemeinsames Abenteuer zu schicken.
Im Laufe der Landvermessung befindet sich Roger irgendwann wortwörtlich am Abgrund, denn er steht am Rande eines Plateaus – nur ein Schritt trennt ihn von der erlösenden Ruhe, von einem Leben ohne Angst und Erinnerungen an sein Hängen. Es folgt ein Flashback, aber diesmal bleibt der Erinnerungsfetzen nicht stumm, sondern wir können Tryons Stimme hören. Und dann plötzlich, wie aus dem Nichts, sehen wir den Moment, in dem Roger gehängt wird, das erste Mal in Farbe und nicht als zuckenden Schwarz-Weiß-Film, sondern so, wie wir alle anderen Szenen auch sehen. Wir sehen, wie Roge am Strick wörtlich um sein Leben kämpft und dadurch, dass er seine Hand befreien und diese unter das Seil schieben kann, verschafft er sich wertvolle Zeit und stirbt nicht augenblicklich, wenn man ihm das Fass unter den Füßen wegtritt. Wir erleben zusammen mit Roger seine vermeintlichen letzten Sekunden und sehen das, was er als Letztes gesehen hat, bevor er das Bewusstsein verliert – Briannas Gesicht, wie sie ihn anlächelt. Und zum ersten Mal erkennt Roger, dass sein letzter Gedanke Brianna gegolten hat und diese Erkenntnis ist das, was ihn vor diesem Abgrund, an dem er steht, rettet – nicht nur vor dem in der Realität, sondern auch vor dem im seiner Seele, denn Brianna und seine Liebe zu ihr ist das, was sein Lebensinhalt ist, das, was ihn ausmacht und nicht seine Stimme und sein Gesang. Beides sind zwar ein wichtiger Teil von ihm, aber Roger stellt durch seine Erinnerung fest, dass sie nicht das sind, wofür es sich wirklich zu kämpfen und zu leben lohnt, denn das ist die Frau, für die er durch die Zeit gereist ist und mit der er auf FR eine Familie gegründet hat. Und am Ende dieser Szene lässt er das Papierflugzeug, das Brianna ihm geschenkt hat, über dem Abgrund fliegen und es nimmt einen Teil des Schmerzes, der ihn die letzten drei Monate begleitet hat, mit. Roger hat seine Wahl getroffen – er hat sich trotz allem für das Leben, für sein Leben mit seiner Frau und seinem Sohn im Kreise seiner Familie auf FR entschieden.
Wenn Roger am nächsten Morgen erwacht, ist Ians Schlafstelle leer und Rollo mit einem Strick festgebunden. Als Roger dieses Seil berührt, halte ich den Atem an, weil ich mit einem erneuten Flashback rechne, aber diesmal bleiben die Erinnerungen aus und das Seil ist für Roger einfach nur ein Seil und kein Gegenstand, der einen erneuten Schub seiner PTBS auslöst. Er trifft abseits des Camp auf YI, der nur kurze Zeit zuvor seinen Tomahawk begraben hat – eine symbolische Handlung vieler Ureinwohner Amerikas, die zum Ausdruck bringt, dass sie ihre Waffen in Friedenszeiten niederlegen. Aber YI hat keinen Frieden mit einem Feind geschlossen, sondern er hat wortwörtlich seinen Frieden mit sich gemacht, denn er kann und will nicht mehr gegen das ankämpfen, was ihn Tag und Nacht verfolgt und in seinen Augen kann ihn nur der Tod von seinem Schmerz befreien. Mich hat es an dieser Stelle sehr überrascht, dass es YI war, der Claires Wasserschierling genommen hat, denn ich war, genau wie Jamie und Claire, eher besorgt, dass Roger sich vielleicht etwas antun könnte. Aber das Schicksal hat für YI anderes als einen Selbstmord vorgesehen, denn Roger rettet ihm mit einem beherzten Tritt gegen die Tasse, in der sich YI den Sud aus der giftigen Pflanze gebraut hat, das Leben. YI ist außer sich vor Wut und will von Roger wissen, was er gesehen hat, als er dem Tod nah gewesen ist. Roger gräbt passenderweise seine Waffe, seine Stimme, aus und benutzt diese, um YI zu retten, denn er gesteht ihm mit krächzenden Worten „I saw my wife’s face.„. Das ist ein Schock für YI, denn es bedeutet, dass er sich selbst im Tod nicht von der Frau, die er so sehr liebt, dass ihr Verlust ihm allen Lebensmut geraubt hat, befreien kann. Seine einzige Option, die ihm bleibt, ist mit Roger zurück nach Hause, nach FR, zu gehen und um jeden Tag, um jeden freudigen Augenblick zu kämpfen, auch wenn er nicht weiß, ob er das überhaupt schaffen kann. “Dig up your weapon. And come home with me, until you do” sagt Roger zu YI, denn er kann ihm keine einfache und schnelle Antwort auf seine Frage, wie es weitergehen soll, geben, sondern er kann ihm nur raten, nicht aufzugeben, denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass dieser Kampf letztendlich irgendwann zu einer Antwort führen wird. So kehren beide in dem Bewusstsein nach FR zurück, dass der mit dem Weiterleben verbundene tagtägliche Kampf zwar der schwierigere Weg ist, aber das dieser es wert ist, gegangen zu werden, denn auf FR warten geliebte Menschen, die sie beide unterstützen werden, damit sie am Ende aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen können.

Roger und Brianna
Wenn Roger nach seinem “Ausflug” mit YI zurückkommt, begrüßt er Bree mit einem Lächeln auf seinem Gesicht, etwas, das seine Frau in den vergangenen drei Monaten nur selten bei ihm gesehen hat. „Brianna“ flüstert er mit heiserer Stimme, aber deutlich genug, dass sie ihn hören kann und für Brianna sind all ihre Gebete erhört worden, wenn sie ihren Name aus dem Mund ihres Mannes hört. Erst traut sie ihren Ohren nicht und einen kurzen Augenblick verharrt sie wie in Schockstarre, bevor sich die Erleichterung auf ihrem Gesicht abzeichnet. Roger offenbart ihr das erste Mal seit seiner Strangulierung, wie er sich gefühlt hat, dass er verängstigt gewesen ist und dass ein Teil von ihm an diesem Tag an diesem Baum in Alamance gestorben ist. Wer als Brianna könnte ihn besser verstehen, denn auch sie hat etwas unbeschreibliches erlebt und überlebt und auch sie hat in dieser Nacht in Wilmington einen Teil ihres Selbst verloren. “Everyone wants the old Roger back, but I’ll never be that man again.“ – ich denke, dass Roger seine Situation nicht realistischer zusammenfassen könnte, denn er kann nicht einfach dort anknüpfen, wo er sein Ich vor Alamance zurückgelassen hat, aber er kann auch nicht weiter seinen Kopf in den Sand stecken und so tun, als wäre er nicht da, als wären ihm seine Frau, sein Sohn und alle Menschen auf FR, die er liebt, gleichgültig. Er kann sich nicht weiter in seiner Dunkelheit verstecken und sich in Schweigen hüllen, denn er hat sich an dieser Klippe für das Leben entschieden. Zu springen wäre der einfachere und leichtere Weg gewesen, aber Roger hat sich für den harten, steinigen und schmerzvolleren Weg zurück ins Leben entschieden und muss jetzt Stück für Stück aus den Scherben seines alten Ichs eine neue Realität, eine neue Identität, einen neuen Roger aufbauen. Das Gute ist, er ist nicht allein, denn er hat Brianna und Jemmy für die es sich lohnt zu leben und für die jeder einzelne Schritt auf diesem schweren Weg es wert ist, dass er ihn geht. Damals 1969 in Oxford dachte Roger zu wissen, was seine letzten Worte sein werden, wie sein Leben und seine Zukunft verlaufen wird. Aber das Leben ist manchmal ein mieser Verräter und die Umstände haben sich geändert, sein ganzes Leben hat sich verändert, aber trotz allem ist die tiefe und bedingungslose Liebe, die er für seine Frau empfindet, etwas, das sich nicht verändert hat und sich niemals ändern wird. Brianna ist die eine feste Konstante, sein sicherer Hafen, den er braucht, um sich durch seinen Sturm des Lebens zu kämpfen. „But what mattered was the last face I saw. That face was yours.“ sagt Roger zu Brianna und so hat sich auch seine Einstellung zu dem geändert, was am Ende eines Lebens wirklich wichtig ist, denn er hat für sich erkannt, dass es am Ende nicht so sehr auf das ankommt, was man sagt, sondern eher auf das, was man fühlt, für was es sich zu leben lohnt und was das eigene Leben bereichert und ausfüllt. Wenn er zu Brianna “I’ll always sing for you.auf No matter what, no matter where…  whether you are there to hear or even if my voice isn’t able… I will always sing for you.” sagt, bin ich zu Tränen gerührt, denn wenn auch die ganze Welt zusammenstürzt und wenn auch alles, was Roger jemals ausgemacht hat, für immer verloren ist, eines wird immer so sein, wie es war – seine Liebe zu Brianna, die ihm den Mut und die Zuversicht gegeben hat, dass er sich an die neue Situation anpassen kann und somit den neuen Roger, den Roger nach Alamance finden wird. Das Duett von “Clementine”, das Roger und Brianna im Abspann singen, unterstreicht noch einmal, dass Roger immer auf Brianna zählen kann und Brianna immer Roger an ihrer Seite haben wird und dass sie zusammen alles schaffen können, wenn sie es nur versuchen.

 

“Famous Last Words“ ist als Titel für diese Episode sehr gut gewählt, denn vordergründig geht es überwiegend um Worte, die unsere Protagonisten sagen oder wohl eher nicht sagen. Was für mich aber das zentrale Thema, die Quintessenz, dieser Folge ist, ist nicht so sehr das, was offen ausgesprochen oder verschwiegen wird, sondern vielmehr wie unsere Protagonisten sich mit ihrem Schicksal auseinandersetzen und wie sie es schaffen, mit dem, was für sie unvorstellbar und unmöglich zu sein scheint, umzugehen und wie sie diese oft verzweifelten und ausweglosen Situationen meistern. Jamie und Jocasta müssen in ein Leben ohne Murtagh zurückfinden, Roger muss sich von Grunde neu aufstellen und für sich eine neue Identität finden und YI muss für sich einen Weg finden, um das zu akzeptieren, was ihm zugestoßen ist. So wie die Menschen im OL-Universum mit einer neuen Welt, einer veränderten Sichtweise auf Dinge, einer neuen Realität leben müssen, müssen auch wir uns in dieser schwierigen Zeit immer wieder neu erfinden, neu positionieren und neu orientieren. Die Welt, wie wir sie einst gekannt haben, wird sich durch diese Pandemie wahrscheinlich für immer verändern und dieses unsichtbare Virus hat viele unserer Pläne zunichte gemacht, einige unserer Träume zerstört und bedroht nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch das Leben, wie wir es vor Corona gekannt haben. So wie YI wissen manche nicht, wie es weitergehen soll und fühlen sich alleine und hilflos, aber es ist wichtig, dass sie einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale finden. Daher wünsche ich jedem, der in diesen Tagen verzweifelt, einsam oder traurig ist und Angst um seine Liebsten hat, einen Menschen wie Brianna zur Seite, der einem Kraft und Mut gibt, nicht aufzugeben.
“Nothing is lost, only changed.” – das hat Jamie in Folge 401 zu Claire gesagt und ich finde, dass es keinen besseren Satz gibt, mit dem ich meine heutige Review beenden könnte, außer dem von Herzen kommenden Wunsch – bleibt gesund!

Je suis prest!
@ Yvonne Pirch


Wenn Dir dieser Blog gefällt,
dann abonniere ihn via E-Mail und verpasse nie wieder einen Beitrag!

Werde Teil unserer Outlander Community auf Facebook!