Review Folge 201 Reise ins Ungewisse (Through a Glass, Darkly)

          

präsentiert von Lady Dagmar of Lochaber

Episode 201
Reise ins Ungewisse
(Through a Glass, Darkly)

Drehbuch: Ronald D. Moore
Regie: Metin Hüseyin

`Ich wünschte, ich wäre tot.
Und hätte ich meine Augen geschlossen gehalten,
hätte ich fast den Rand des Vergessens berühren können.`
(Claire Fraser)

 

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Spoiler. Nicht nur Spoiler zur Serie und der aktuellen Folge, sondern auch zu Diana Gabaldons Büchern, die bis zum heutigen Datum erschienen sind.

Die neue Staffel beginnt mit einer komplett überarbeiteten Eröffnungssequenz, die sehr gut an die neuen Gegebenheiten angepasst wurde. Der Vorspann enthält jetzt kleinere Szenen aus der neuen Staffel, genauer gesagt aus Paris. Die Titelmelodie „The Skye Boat Song“ wurde für das neue Thema Frankreich angepasst, so dass die zweite Hälfte des Liedes nicht mehr in Englisch, sondern in Französisch gesungen wird.

Der englische Episodentitel „Through a Glass, Darkly“ ist eine Abwandlung der Überschrift des ersten Teils aus Dianas zweitem Buch „Die geliehene Zeit“. Die Überschrift „Through a Looking Glass, Darkly“ im Buch ist eine veränderte Textpassage aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes, besser bekannt als „Hohelied der Liebe“. In der King James Bibel, die wohl bekannteste englische Übersetzung der Bibel, die König Jakob I. für die Anglikanische Kirche in Auftrag gegeben hat, heißt es:
12 For now we see through a glass, darkly; but then face to face: now I know in part; but then shall I know even as also I am known. 13 And now abideth faith, hope, charity, these three; but the greatest of these is charity.“
In einer der zahlreichen deutschen Bibelübersetzungen wird der Anfang des 12. Vers mit “Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel” übersetzt.
In meinen Augen hätten die Serienverantwortlichen den Titel „Through a Glass, Darkly“ für diese Folge nicht besser wählen können. Kennt Ihr das Gefühl, wenn man die Wahrheit nicht wahrhaben will? Wenn man im wahrsten Sinne des Wortes blind vor Wut, Trauer und Schmerz ist? Wenn man seine Umwelt nur noch wie durch einen Nebelschleier wahrnimmt und sich wie in Watte gepackt fühlt? Genauso fühlt sich Claire ohne Jamie und sie sieht sich und ihre Zukunft nur undeutlich und getrübt, wie durch einen Nebelschleier oder eine verdreckte Scheibe. Claire betrachtet in dieser Folge ihre Umwelt mehrfach von außen, durch Glas bzw. Fensterscheiben, wie zum Beispiel im Krankenhaus die Straße von Inverness, Frank, als sie im Garten mit Mrs. Graham sitzt, wie Frank ihre Kleidung und ein Teil ihrer materiellen Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit in Rauch aufgehen lässt und ihre neues Leben in Amerika durch ein Flugzeugfenster. Kein Wunder, dass Ron Moore, der Showrunner von Outlander und Autor dieses Episodendrebuchs, in dieser Folge das Thema, das Claire etwas von außen betrachtet, immer wieder aufgreift, denn die Zeit, in die Claire zurückgekommen ist und in der sie jetzt, für den Rest ihres Lebens ohne Jamie für ihr Kind weiterleben muss, ist grau und unvollkommen, denn es fehlt das einzige, was für sie wirklich zählt: Jamie. Was bleibt also Claire, nachdem ihr Glaube an eine Zukunft mit Jamie am Craigh na Dun beendet wurde? Nachdem alle Hoffnung, dass Jamie die Schlacht von Culloden überlebt hat und sie doch noch zu ihm zurückkehren könnte, zerstört ist? Was bleibt, wenn der Glaube und die Hoffnung fehlen? Die Antwort liefert der nächste Vers des Korintherbriefs: 13 Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist das Größte.“ Wenn es keinen Glauben und keine Hoffnung mehr gibt, dann ist das einzige, was übrig bleibt die Liebe. Claires Liebe zu Jamie und ihre Liebe zu ihrem gemeinsamen Kind, ihr einziger Antrieb weiterzumachen: „Aber ich hatte ein Versprechen gegeben, dass ich halten musste. Auch, wenn mich das in ein Leben zurückwarf, dass ich so nicht mehr wollte.“

Mir ist aufgefallen, dass Claire bei ihrer Rückkehr keine sichtbare Verletzung an ihrer Hand hat und somit ist klar, dass sich Jamie und Claire nicht ihre Initialen in den Handballen geritzt haben. Diana Gabaldon hat sich dazu, nach Ausstrahlung der Folge 213, auf CompuServe dahingehend geäußert, dass es für die Serienverantwortlichen nicht möglich war, das in der Serie darzustellen.
Als Grund haben, laut Diana, Ron & Co.zum einen genannt, dass man in kommenden Staffeln eine so dünne und nach 20 Jahren fast unsichtbare Narbe schlecht im TV darstellen kann, die eingefleischten Buchleser (BL) würden aber permanent danach Ausschau halten.
Zum anderen waren wohl auch drehtechnische Dinge, zum Beispiel das Filmblut auf der Kleidung und zeitliche Engpässe, dafür verantwortlich, dass es die Buchstaben nicht in die Serie geschafft haben.
Für mich und ich denke für die meisten BL sind sie aber wichtig und eine Erinnerung an Jamies und Claires unvergessliche Liebe. Wirklich schade, dass wir auf diese, im Buch so emotionale Szene, in der Serie verzichten müssen.   

Alle Schauspieler in dieser Produktion sind in meinen Augen perfekt gecastet und haben bereits in der vergangenen Staffel gezeigt, dass sie immer und in jeder Folge 1.000 Prozent geben und in meinen Augen einfach Ausnahmetalente sind.
Die außergewöhnliche und beeindruckende Leistung sowohl von Caitriona Balfe als auch Tobias Menzies in dieser Folge nicht explizit zu erwähnen, wäre fast schon eine Schande. Beide haben auf dem Bildschirm eine tolle Chemie zusammen und ich vergesse oft, dass sie nur spielen. Der 1948er Teil dieser Folge ist für mich eine emotionale Achterbahnfahrt, vom Drehbuch und von den Schauspielern phänomenal umgesetzt. Ich habe sowohl mit Claire als auch mit Frank gelitten und geweint.

Ich denke, dass es von Ron eine gute Entscheidung war, die Geschichte im Jahr 1948 und nicht in 1968 starten zu lassen, so wie im Buch. Die Änderung der Rahmengeschichte ist sehr gut gelungen und macht, auch den Nicht-Buchlesern (NBL) klar, dass Jamies und Claires Vorhaben, über das sie am Ende der ersten Staffel auf der „Cristabel“ gesprochen haben, gescheitert ist. Sie haben den Jakobitenaufstand und letztendlich auch die für die Jakobiten vernichtende Schlacht von Culloden nicht verhindern können. Ich bin der Meinung, dass alles, was sie von nun an in der zweiten Staffel machen werden, um den Verlauf der Geschichte zu ändern, wird, mit dem Wissen, dass sie gescheitert sind, eine ganz andere Wichtigkeit bekommen und wir Zuschauer werden Ereignissen und Begebenheiten eine andere Bedeutung beimessen.
Aber warum sie getrennt wurden und Claire wieder in 1948 ist, bleibt vorerst eine ungeklärte Frage und hinterlässt bei den NBL ein ähnlich verwirrendes Gefühl, wie das erste Kapitel des zweiten Buches. Wer hätte schon, nach dem Ende der ersten Staffel damit gerechnet, dass Jamie und Claire noch einmal in ihrem Leben getrennt werden? 

Der wohl meist diskutierte Charakter aus Dianas Büchern ist, meiner Meinung nach, Frank (dicht gefolgt von Laoghaire). Wenn man seinen Namen in eine Runde mit Outlander Fans wirft, findet in der Regel eine hitzige Diskussion statt, ob er ein guter oder schlechter Ehemann war, ob er Claire treu war oder nicht, etc.
Ich persönlich war immer schon ein Freund von Frank und habe ihn in den Büchern nie als harsch oder langweilig empfunden, sondern immer als einen Mann, der genauso wie Jamie, Claire auf seine Art und Weise innig geliebt hat. Ich mochte auch schon die Art, wie die Serienverantwortlichen ihn in Staffel 1 dargestellt haben. Für mich ist TV Frank eine gute Ergänzung zu Buch Frank und die in der Serie erweiterte Handlung um seine Person stellt für mich eine sinnvolle und schöne Ergänzung zum Buch Frank dar.
Im Buch fehlen uns die Ereignisse, die unmittelbar nach Claires Rückkehr passieren und sie werden nur durch Claires Erinnerungen, die sicherlich nach 20 Jahren auch durch ihre gemeinsame Zeit mit Frank Negativen verwässert sind, in einzelnen Sequenzen erzählt.
Als Grundlage für den Handlungsstrang zwischen Claire und Frank hat Ron Claires Erinnerungen aus Dianas drittem Buch „Ferne Ufer“ und aus späteren Büchern genommen. Ich finde, dass er mit diesem Drehbuch sehr gut die Lücken füllt, die Diana in ihren Büchern gelassen hat.
Frank war ein wichtiger Teil in Claires Leben. Sie haben, nach ihrer Rückkehr fast zwanzig Jahre zusammengelebt, ein Kind zusammen großgezogen und Frank hat Claire in ihrem Wunsch, Ärztin zu werden, unterstützt, auch wenn er es nie gut gefunden hat.
Selbstverständlich hat Claire Frank nie so lieben können, wie sie Jamie liebt, noch hat sie Frank jemals so geliebt. Aber es muss ja Gründe gegeben haben, warum sie sich dazu entschlossen hat, wieder mit ihm zusammenzuleben. Ich denke es war nicht, dass ihr Kind einen Vater hat, denn auch, wenn es für Claire in den späten 40ern als geschiedene und alleinerziehende Mutter schwer geworden wäre, sie hätte es garantiert geschafft. Finanziell war sie auch nicht von Frank abhängig, da sie von ihrem Onkel Lamb eine gewisse Summe geerbt hat. Also muss es ja etwas in der Beziehung zu Frank gewesen sein, was Claire dazu veranlasst hat, zu ihm zurückzugehen. Wenn nicht aus Liebe, dann aus anderen Motiven.
Des Weiteren hätte ich beim Lesen der Bücher immer schon gerne gewusst, wie Frank die ganze Situation gesehen hat und vor allem, was ihm in der Buchserie, in meinen Augen, zu dem verbitterten Mann gemacht hat, der er kurz vor seinem Tod ist. Was hat er gedacht, als Claire zurückgekommen ist. Wie hat er sich gefühlt? Was hat ihn dazu veranlasst, Claire zurückzunehmen?
Ron hat uns mit seiner Interpretation der Dinge in dieser Folge einige Antworten geliefert und ich kann nichts anderes sagen, als dass es mich voll und ganz gefesselt und überzeugt hat.


Craigh na Dun
Claires erste Worte „Ich wünschte, ich wäre tot.“ sind eine sehr kraftvolle Art, die neue Staffel zu beginnen. 
Claire liegt verwirrt und desorientiert im Gras, Im nächsten Moment sucht sie hektisch ihre Umgebung ab und findet einen Ring, dem offensichtlich der Stein fehlt bzw. bei dem der Stein verbrannt ist.
Die Sache mit dem Ring verwirrt mit als BL etwas, er spielt nämlich im Buch keine Rolle. Wie ist Claire an diesen Ring gekommen? Woher kommt er? Wer hat ihn ihr gegeben? Warum hat sie ihn? Ich kann nur spekulieren, dass Jamie ihr diesen Ring gegeben hat, als sie zurück durch die Steine gegangen ist. Das würde auch ihre panische Suche nach diesem Ring und dem fehlenden Stein erklären.
Claires anschließender markerschütternder Schrei lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen und eine Weitwinkelaufnahme von ihr und ihrer Umgebung macht, spätestens jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, dass sie sich im Steinkreis am Craigh na Dun befindet.
Als Claire den Hügel hinuntergeht, beschert mir ihr Voiceover „Er war Vergangenheit. Sie waren alle Vergangenheit. Die Welt, in der ich noch vor kurzem lebte, war zu Staub zerfallen.“ innerhalb von nur zwei Minuten Sendezeit den zweiten Grund einmal tief durchzuatmen. Der Blick in ihr Gesicht, in dem sich tiefe Trauer und Resignation abzeichnet, als sie die asphaltierte Straße entlang geht, ist einfach herzzerreißend.
Als ein Auto hupt, reagiert Claire sehr langsam, so als ob sie dieses Geräusch gar nicht mehr zuordnen könnte. Das Auto hält an, der Fahrer steigt aus und sie fragt ihn, welches Jahr es ist. Er antwortet: „1948“. Claire fragt ihn, wer die Schlacht von Culloden gewonnen hat und der Mann antwortet ihr, dass es Cumberland und die Briten waren. Als sie die Antwort hört, bricht sie, über alle Maße bestürzt, weinend auf der Straße zusammen. Es scheint so, dass mit der Antwort des Mannes auch ihr allerletzter Funke Hoffnung, auch wenn er noch so minimal gewesen ist, erloschen ist. Jamie und Claire haben es nicht geschafft, den Ausgang der Schlacht zu ändern und es gibt somit für sie keine Hoffnung mehr, dorthin zurückzukehren, wo sie hingehört: zu Jamie.
Das dritte Mal innerhalb von vier Minuten, dass ich tief durchatmen muss.

Krankenhaus in Inverness
Nach der Eröffnungssequenz sehen wir Frank, wie er übernächtigt und mit Bartstoppeln im Gesicht, einen Krankenhausflur entlang eilt und der Arzt informiert ihn, dass es Claire körperlich soweit gut geht, aber emotional eher nicht.
Claire liegt in ihrem Krankenhausbett, starrt auf das geschäftige Treiben draußen auf der Straße und im Hintergrund läuft Musik. Frank betritt das Zimmer und da sich Claire nicht umdreht, bemerkt sie vorerst nicht, dass es Frank ist, der das Zimmer betritt. 
Claire bittet darum, dass das Radio ausgemacht wird und merkt an, dass es hier so laut ist. Kein Wunder, dass ihr unsere moderne Welt laut und unruhig erscheint, wenn man überlegt, dass sie zweieinhalb Jahre im 18. Jahrhundert ohne Straßenlärm, Motorengeräusche und Dauerbeschallung aus dem Radio gelebt hat. Vergleichbar ist diese Situation mit einem Ausflug in die Berge. Wenn man oben auf dem Gipfel sitzt, fernab jeder Zivilisation, dann merkt man erst, wie still die Welt sein kann.
Frank tritt näher ins Zimmer und jetzt erkennt Claire sein Gesicht als Reflektion im Fenster. Sie sieht ihn an und sagt schlicht „Hallo Frank. Ich bin zurück.“ Was soll sie auch sonst anderes sagen? Frank geht näher auf Claire zu und als er sich zu ihr beugt, sieht sie für einen kurzen Moment nicht sein Gesicht, sondern das von Black Jack Randall (BJR). Es erinnert Claire und vor allem uns Zuschauer, wie groß die äußerliche Ähnlichkeit zwischen Frank und seinem Vorfahren ist, so groß, dass Claire ihn in Folge 101 auf den ersten Blick für Frank gehalten hat. An dieser Stelle bin ich froh, dass die Serienverantwortlichen Claires Erinnerung an BJR nicht künstlich aufgebauscht und dramatisiert haben, sondern uns kurz und knapp an ihn und seine Ähnlichkeit mit Frank erinnern.
Als Frank Claires Korsett betrachtet, wird im Hintergrund leise das Jamie und Claire Theme gespielt. Danke Bear McCreary für diese musikalische Untermalung einer sehr bewegenden Szene, insbesondere, wenn ich dabei auch noch Claires betroffenen Gesichtsausdruck sehe.
Das vierte Mal, dass ich nach nur neun Minuten Sendezeit tief durchatmen muss.

Kleine Randnotiz:
Es gab im Vorfeld, als ein kurzer Trailer von der zweiten Staffel im letzten Jahr auf der San Diego Comic Con gezeigt wurde, rege Spekulationen in den diversen Outlander Gruppen, über die Wolldecke, die Claire im Krankenhaus über ihren Beinen liegen hat. Es wurde vermutet, dass es Jamies Plaid sein könnte und ich war damals auch der Meinung, dass es durchaus sein könnte. Aber auf den zweiten Blick und vor allem im TV in HD sieht man, dass es nicht Jamies Plaid ist, mit dem sich Claire zugedeckt hat. Es kann auch gar nicht sein, weil sie, als sie am Craigh na Dun ist, kein Plaid bei sich trägt. Außerdem hat Maril Davis, ausführende Produzentin bei Outlander, als Antwort auf diese Frage getweetet, dass es einfach nur eine Wolldecke ist. Aber ich finde diesen kleinen Hinweis und das es eventuell hätte sein können, einfach einen schönen Gedanken.

Revernd Wakefield
Claire und Frank sind bei Reverend Wakefield untergekommen und obwohl Claire bereits seit einer Woche zurück ist, hat sie bis jetzt, bis auf ein paar Höflichkeiten, nicht mit Frank gesprochen. Der Reverend und Frank wundern sich über ihr plötzliches Interesse an dem Jakobitenaufstand und Culloden. Frank sagt, dass sein Freund Claires Kleid untersucht hat und dass es sich hierbei um ein äußerst gut erhaltenes Exemplar aus den schottischen Highlands des 18. Jahrhundert handelt.
Interessant, dass die Serie Claires Kleid als Untermauerung für ihre Geschichte, die sie Frank noch erzählen wird, aufgreift und ihm dadurch als Historiker die Möglichkeit gibt, ihrer Geschichte Glauben zu schenken.
Ich finde den Moment, in dem Frank an Claires Unterkleid riecht, ein bisschen creepy und mich erinnert die Szene sofort an BJR, als er in Wentworth an Claires Haaren schnüffelt. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob ich vielleicht mehr Flashbacks in Bezug auf BJR habe als Claire.
Was Frank wohl riecht? Claire? Jamie? Das 18. Jahrhundert? Er
 trifft ans Fenster und betrachtet Claire, die im Garten vom Reverend sitzt und in einem dicken Buch blättert.

Ich finde die nächste Szene zwischen Claire und Mrs. Graham äußerst gelungen. Sie enthält für mich einige der bewegendsten Momente dieser Episode. Ich finde es gut von Ron & Co. gelöst, dass Claire mit Mrs. Graham jemanden an ihrer Seite hat, der ihre Geschichte glaubt, dem sie von Jamie erzählen kann und der sie als trauernde Witwe auffängt.
In dem Moment, in dem Claires über Jamie spricht, erhellt sich ihr Gesicht und ich sehe sie das erste Mal in dieser Folge lächeln. Als sie jedoch realisiert, dass sie von Jamie in der Gegenwartsform spricht, stockt sie, verbessert sich und bricht dann mitten im Satz ab, weil sie den Gedanken nicht ertragen kann, dass Jamie nicht mehr da. „Ich weiß, dass er tot ist. Ich will doch nur wissen, ich muss einfach wissen, ob er wirklich auf diesem Schlachtfeld gefallen ist“.
Man kann ihren ganzen Schmerz auf ihrem Gesicht und ihren Augen sehen und ich finde dieser kleiner Moment ist eine herausragende schauspielerische Leistung von Cait.
Ich mag Mrs. Graham Versuch, Claire in ihrer Verzweiflung zu trösten und ich finde ihren folgenden Monolog sehr gefühlvoll und eindringlich: „Er hat Ihnen gesagt, dass er dort, Seite an Seite mit seinen Männern kämpfen und dann sterben würde. Gibt es für Sie einen Grund an seinen Worten zu zweifeln? Sie haben ein außergewöhnliches Abenteuer erlebt. …. Ein solches können sich die Wenigsten überhaupt vorstellen. Seien Sie dankbar. Bewahren Sie es geschützt und sicher an einem ganz besonderen Platz in ihrem Herzen auf. Aber verbringen Sie nicht den Rest ihres Lebens damit, einen Geist zu jagen. Nicht, wenn es jemanden gibt, einen Mann aus Fleisch und Blut, lebendig, der Sie noch immer von ganzem Herzen liebt.“
Als Claire dann Frank durch das Fenster von außen betrachtet und er seinen Blick senkt, sieht er genauso verzweifelt, traurig und verletzt aus, wie Claire nur wenige Minuten vorher.
Eine sehr ergreifende Szene, die mich wieder tief durchatmen lässt. Ein Glück, dass das letzte Mal schon gute 10 Minuten her ist.

Frank und Claire
Das, was Mrs. Graham zu Claire am Nachmittag im Garten über Frank gesagt hat, hat sie wohl dazu veranlasst, ihn abends in ihr Zimmer zu bitten, um mit ihm zu sprechen.
Sie erzählt ihm ihre komplette Geschichte und als sie fertig ist, ist schon der neue Morgen angebrochen. Gott sei Dank bekommen wir keine Flashbacks zu Ereignissen der ersten Staffel zu sehen, denn ich glaube, wir alle erinnern uns noch sehr gut an die Handlung. Wenn jemand von Euch doch Erinnerungslücken hat, dem kann ich nur wärmsten ein Rewatch von Staffel 1 empfehlen.
Als Frank, nachdem Claire ihre Geschichte beendet hat, vom Kamin weg und im Raum herumgeht und sich streckt, habe ich einen Flashback zur Folge 116 und zwar in Bezug auf die Eröffnungssequenz, als BJR in der Gefängniszelle von der Pritsche aufsteht und sich streckt. Dieselbe Körperhaltung, dieselbe Gestik. Creepy! Ich weiß nicht, ob es eine bewusste Erinnerung an BJR ist, die die Serienverantwortlichen an dieser Stelle eingebaut haben oder ob es eine Idee von Tobias war oder ob es einfach Tobias normale Körpersprache ist. Ist auch egal, ich finde es wirklich gruselig! Frank sagt Claire, dass er ihr glaubt, aber sie versucht ihm klar zu machen, dass er ihr als analytisch denkender Historiker nicht glauben kann und dass sie ihm nicht glaubt, dass er ihre Geschichte für die Wahrheit hält.
Und auch ich kann es auch nicht so richtig glauben denn mir geht Franks Verständnis und seine Überzeugung, dass Claires Geschichte stimmt, an dieser Stelle etwas zu schnell. Ich glaube eher, dass er ihr in diesem Moment alles geglaubt und ihr in allem zugestimmt hätte, nur um Claire als seine Ehefrau zurückzubekommen. Aber auch das ist menschlich und macht den Charakter Frank in meinen Augen noch ein bisschen liebenswürdiger und auch bemitleidenswerter, denn er liebt Claire über alles und würde alles für sie tun und ihr alles glauben, Hauptsache, sie kommt zurück zu ihm. Frank ist so voller Verständnis und das Einzige, was für ihn zählt ist, dass Claire wieder bei ihm ist. Im Gegenzug versucht sie ihm immer wieder klar zu machen, dass sie einen anderen Mann liebt.
„Ich habe mit einem anderen Mann gelebt. Zwei Jahre lang und ich habe ihn geliebt. Von ganzem Herzen als seine Frau.“
Franks Augen füllen sich mit Tränen und er bittet Claire, um ein paar Minuten ihrer Aufmerksamkeit. Er erzählt ihr in einer höchst emotionalen Rede, wie es ihm in den letzten zwei Jahren, nach ihrem Verschwinden, ergangen ist und wie er sich gefühlt hat, als sie verschwunden ist und sagt ihr, dass er zwar ihre Gefühle für Jamie nicht verstehen kann, sie aber akzeptiert.
Claire unternimmt einen weiteren Versuch, Frank klar zu machen, dass sie nicht mehr die Frau ist, mit der er vor mehr als zwei Jahren nach Inverness auf zweite Hochzeitsreise gekommen ist .
“Ich glaube nicht, dass du verstehst…“,
m
it jedem Schritt, den Frank auf sie zumacht, geht sie einen zurück und versucht ihn weiter von sich zu stoßen. Sie ist so abweisend und kalt zu ihm, selbst ihre Stimme hat jegliche Wärme verloren, wenn sie zu Frank spricht. Wie muss sich Frank wohl fühlen, nachdem er von Claire alles über Jamie, ihre Liebe zu ihm und über ihr gemeinsames Leben erfahren hat. Claire stößt ihm mit jedem Einwand das Messer nur noch tiefer ins Herz.
Und was macht Frank? Er gibt nicht auf, er resigniert nicht, sondern er geht auf die Knie und bittet sie unter Tränen, zu ihm zurückzukommen und ihr Leben mit ihm zu teilen: „Ich habe Dir mal gesagt, dass Du nichts tun oder sagen könntest, was meine Gefühle für Dich ändern. Das meinte ich so und das meine ich noch heute. Ich liebe dich, bedingungslos, komme was wolle, im hier und jetzt und für immer. Ich bin Dein Mann und Du bist meine Frau, gemeinsam können wir noch einmal von vorne anfangen.“
Nur ein Blick in Franks Augen und in sein Gesicht zeigt, dass er die Wahrheit sagt und diese auch so meint und fühlt. Tobias hat mich in dieser Szene total überzeugt und so exzellent gespielt, ich habe ihm alle Emotionen zu 1.000 Prozent abgenommen.
Leider reichte zu diesem Zeitpunkt kein tiefes Durchatmen und kein Schlucken mehr, sondern bei 22:54 Minuten Sendezeit hat das erste Taschentuch die Verpackung verlassen.

Obwohl Frank so verständnisvoll ist und auch ihre Liebe zu einem anderen Mann akzeptiert, kann und will Claire nicht zu ihm zurück. Vielleicht weil sie ihm nicht glaubt oder weil er noch nicht die ganze Wahrheit kennt, versucht sie ihn in einem letzten Anlauf abzuweisen. Und sie wirft einfach nur einen Satz in den Raum: „Ich bin schwanger.“
Ich weiß nicht, ob Frank nach dieser Offenbarung kurzfristig unter Amnesie oder Realitätsverlust leidet, aber er scheint sich über das Kind zu freuen, bis er nur Sekunden später realisiert, dass es ja gar nicht von ihm sein kann. Und Claire setzt dem Ganzen noch einen drauf. „Von Jamie. Ich trage das Kind eines anderen Mannes in mir, Frank. Denk darüber nach, was das bedeutet. Für uns alle.“.
Dann bricht seine ganze aufgestaute Wut und Frustration aus ihm heraus, denn auch sein Verständnis hat einmal ein Ende. Diese einzelne Träne, die ihm während seines Wutausbruchs über die Wange läuft, sagt mehr als tausend Worte: Wut, Trauer, Enttäuschung, Schmerz, Betrug und Verzweiflung. Alles scheint für ihn verloren. Er kann Claires Geschichte über ihre Zeitreise vielleicht glauben (ich bin mir immer noch nicht sicher, ob er ihr wirklich glaubt), er kann ihre Liebe zu Jamie akzeptieren, aber das Kind eines anderen Mannes? Aber zum Glück ist er so beherrscht, dass, obwohl er seine Faust ballt und Claire ganz nah kommt, er das Zimmer verlässt.
Claire sitzt bis zu seiner überstürzten Flucht stocksteif im Sessel, aber ihr anschließendes Verhalten und ihr Keuchen zeigt, dass sie mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat und ihr wird, glaube ich, bewusst, was sie ihm gerade angetan hat. Sie fasst sich an den Bauch und streichelt ihn.

Frank und Revernd Wakefield
Nachdem Frank seine Wut und Enttäuschung im Gartenhäuschen vom Reverend herausgelassen hat, übrigens eine Reaktion, die ich absolut nachvollziehen kann, findet zwischen dem Reverend und ihm ein sehr interessantes Gespräch statt.
Frank erzählt ihm, dass er zeugungsunfähig ist, sich aber immer Kinder mit Claire gewünscht hat, aber daran zweifelt, das Kind eines anderen Mannes annehmen zu können. Das für BL interessante daran ist, dass TV Frank schon 1948 weiß, dass er keine Kinder zeugen kann. Im Buch erfährt er das erst zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem er fast 18 Jahre das Kind von Jamie und Claire großgezogen hat. Für mich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob seine Motive, mit Claire trotz Schwangerschaft, einen Neuanfang zu wollen andere sind, als die von Buch Frank. 
Zu wissen, dass er nie eigene Kinder haben wird, macht vielleicht die Entscheidung seine, von einem anderen Mann, schwangere Frau zurückzunehmen, einfacher und egoistischer, als eine Entscheidung ohne dieses Wissen. Mmmhhh…ich fange erst gar nicht an, darüber zu spekulieren, ansonsten würde dieses noch abendfüllend werden.
Der Reverend versucht mit guten Argumenten und Gott und dem Schicksal, Frank zu überzeugen, Claire mit ihrem Kind anzunehmen. „Ich bin nicht Joseph. Sie ist nicht Maria und der Vater ist nicht Gott der Allmächtige, sondern ein Mann, der meine Frau gef*ckt hat.“ Gut gesagt, Frank und ich habe an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.
Plötzlich taucht Roger im Zimmer auf und spricht den Reverend, der sein Onkel und Adoptivater ist, mit Vater an und der Reverend merkt an, dass Kinder die Welt nehmen, so wie sie ist und nicht nach dem wieso und warum fragen.
Interessant ist der Blick, den Roger Frank zuwirft, kurz bevor er den Raum verlässt. So etwas wie eine Vorhersehung, nach dem Motto: Wir sehen uns auch noch einmal wieder. Naja, das wird nicht so direkt passieren, aber wir BL wissen, dass Roger über eine dritte Person trotzdem eine Art Bindung zu Frank aufbauen wird, denn ohne Frank wäre diese Person nicht das, was sie wäre und vielleicht wäre sie dann auch weniger wichtig für Roger. Liebe BL, Ihr versteht schon, oder? Liebe NBL, auch Ihr werdet am Ende der Staffel wissen, was ich meine. Wenn Ihr es eher wissen möchtet, dann hilft nur eins: Lest das Buch!

Vergangenheit hinter sich lassen
Vielleicht wird Frank am Ende von der Aussage vom Reverend “Ein Kind ohne einen Vater und ein Mann ohne ein Kind haben nun die Möglichkeit einander zu finden. Das ist für mich Teil von Gottes großem Plan.“, überzeugt, denn in der nächsten Szene sieht man, wie er im Türrahmen von Claires Zimmer steht.
Die gesamte Szene zwischen Claire und Frank ist wieder gut geschrieben und selbstverständlich wieder fabelhaft von Cait und Tobias gespielt.
Frank sagt Claire, dass er ein Jobangebot aus Harvard annehmen möchte, um mit ihr dort ein neues Leben zu beginnen. Ganz nebenbei erwähnt er im Zusammenhang mit der britischen Presse, das Wort „Peitschen“, worauf Claire sehr bestimmt sagt: „Das Wort Peitschen verwendest Du in meiner Gegenwart, nie wieder. Hast Du verstanden?“
Sie fragt ihn, ob er sich sicher ist und sagt ihm, dass er noch einmal darüber nachdenken sollte.
Ihr letzter Versuch Frank wegzustoßen. Sie hat zwar immer noch diesen harten Unterton in ihrer Stimme, aber sie sagt, dass er nie wieder das Wort „Peitschen“ in ihrer Gegenwart (und das ist der entscheidende Punkt…nie mehr in ihrer Gegenwart!) erwähnen soll.
Frank sagt ihr, dass er nicht mehr darüber nachdenken braucht, denn er hat zwei lange Jahre Zeit ohne sie verbracht und möchte nicht mehr ohne Claire sein.
Er hat für ihren Neuanfang aber zwei Bedingungen, die für mich absolut plausibel und nachvollziehbar sind.
Die erste Bedingung ist, dass sie das Kind zusammen als Mutter und Vater großziehen und die zweite Bedingung ist, dass solange er erlebt, Claire nicht mehr nach Jamie suchen darf, denn er kann sie nicht mit einem anderem Mann teilen. Was er an dieser Stelle leider nicht weiß, dass er genau das die nächsten fast zwanzig Jahre seines Lebens machen muss, denn Frank wird nie das für Claire sein, was Jamie gewesen ist und sie wird ihn auch nie so lieben, wie sie Jamie liebt. Frank wird für den Rest seines Lebens im Schatten von James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser stehen.
Dann sagt Frank, dass Claire Jamie loslassen muss. Claire antwortet mit tränenüberflutetem Gesicht „Ich weiß, das habe ich ihm auch versprochen. Ich musste ihm versprechen, dass ich ihn loslassen würde. Also werde ich das.“ Und weil sie weiß, dass sie Jamies Versprechen erfüllen muss, lässt sie sich auf ein Leben mit Frank ein. Sie hebt ihren Kopf, schaut Frank mit laufenden Tränen ins Gesicht und sagt ihm, dass sie seine Bedingungen akzeptiert.
Taschentuch Nummer 2 verlässt bei 33:30 Minuten die Packung, denn es ist wirklich schwer zu ertragen, wie sehr Claire um Jamie trauert. Vielleicht bewegt mich diese Szene als BL auch so, weil ich weiß, wie sehr sich beide die nächsten zwanzig Jahre nach dem anderen sehnen werden, und besonders Jamie nach Claire, da sein Leben nach Culloden so schwer, unerfüllt, leer und traurig ist.
Als Claire sagt, dass sie Jamie gehen lassen will, weil es sein Wunsch war und nicht weil sie es will, sieht man in Franks Gesicht, dass ihn diese Aussage verletzt. Aber er liebt sie von ganzem Herzen und ist bereit, sie so zu nehmen, wie sie ist. Frank streckt seine Hand aus, Claire ergreift sie und das veranlasst ihn, sie das erste Mal seit ihrer Rückkehr zu umarmen. Frank erscheint so erleichtert, so glücklich und flüstert weinend in Claires Haare „Du hast mich sehr glücklich gemacht und ich hoffe, eines Tages wird mir das auch bei Dir gelingen.“  Diese Aussage impliziert quasi, dass Frank hofft, dass Claire eines Tages ihre Entscheidung, Jamie loszulassen und zu ihm zurückzugehen, für gut befindet und auch emotional irgendwann zu ihm zurückfindet wird. Claire hingegen zögert erst Frank zu berühren und legt letztendlich doch ganz zaghaft ihre Hände auf seinen Rücken.
Aber wir BL wissen, dass sie nie aufhören wird, sich nach Jamie zu sehnen und ihn nie vergessen wird. Selbst in dieser Wiedervereinigungsszene steht Jamie zwischen ihr und Frank. Das Fundament, aus dem der Neuanfang mit Frank gebaut ist, ist nicht ihr freier Wille, sondern das Versprechen, dass sie Jamie gegeben hat und jetzt selbstlos einlöst.
Ich möchte hier anmerken, dass es einen feinen, aber wichtigen Unterschied zwischen der Aussage „Ich lasse ihn gehen“ und „Ich vergesse ihn“ gibt. Claire muss Jamie gehen lassen, sie darf sich nicht in einer Erinnerung, in einer Wunschwelt verlieren und in Depressionen verfallen. Sie muss um ihrer selbst willen und für das ungeborene Kind weitermachen, nach vorne schauen, und das kann sie nur, wenn sie Jamie loslässt. Und weil Jamie genau wusste, dass es für Claire das Schwerste sein wird, ohne ihn weiterzuleben, musste sie es ihm versprechen.
Mir fällt in diesem Moment ein Teil der Abschiedsszene aus Band 2 ein, die übrigens zu einem meiner Lieblingstextstellen in der gesamten Buchreihe gehört:              

»Meinst du denn, ich weiß das nicht?«, fragte er leise. »Ich bin es, der jetzt das leichtere Los gezogen hat. Denn wenn du für mich empfindest, was ich für dich empfinde … dann bitte ich dich gerade, dir das Herz herauszureißen und ohne es weiterzuleben.«..“
(aus „Die geliehen Zeit“ by Diana Gabaldon Kapitel Timor Mortis Conturbat Me).

Claire macht sich von Frank los und gibt ihm die Kleidung, die sie bei ihrer Rückkehr getragen hat, „Ich muss die Vergangeheit hinter mir lassen.“ und ihr Gesichtsausdruck straft diese Aussage Lüge. Das Frank Theme, das leise und tragend im Hintergrund gespielt wird, macht die Szene für uns Zuschauer nicht gerade leichter.
Was dann passiert, hat mich mehr geschockt, als alles, was ich jemals im TV gesehen habe und ich habe das erste Mal in meinem Leben mit meinen Fernseher gesprochen.
Nachdem Claire Franks Bedingungen akzeptiert hat und ihm ihre Kleidung gibt, guckt sie auf ihre Hand und versucht, eher halbherzig und langsam und dann noch einmal halbherziger, Jamies Ehering vom Finger zu ziehen. Ich konnte nicht anders als ihr zuzurufen: „Nein, mach das nicht. Das darfst Du nicht tun!“
Gott sei Dank sieht Frank, dass es Claire sehr schwer fällt, den Ring abzunehmen und macht mit den Worten „Ist schon gut, Du bist noch nicht soweit.“ dem ganzen Grauen ein Ende.
Ich hatte in diesen vielleicht gerade mal 20 Sekunden ernsthafte Sorgen, dass Ron & Co. mit ihrer eigenen Interpretation mancher Dinge, ganz weit über das Ziel hinausgeschossen sind. Denn Buch Claire hätte und hat niemals, niemals, niemals und unter gar keinen Umständen Jamies Ehering abgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ring in der Serie nicht nur ein Ring mit einer Inschrift ist, so wie im Buch (was den Ring aber im Buch nicht unbedeutender und minderwertig macht, ganz im Gegenteil). Sondern Claires Ehering wurde aus Jamies Schlüssel zu Lallybroch angefertigt. Jamie hat ihr in Folge 109 gesagt, dass Claire genauso nach Lallybroch gehört wie er und falls er nie wieder dorthin gehen kann, es ihn nicht mehr ganz so verletzt, weil sie jetzt sein zu Hause ist.
Wie könnte sie es nur übers Herz bringen, diesen Ring abzunehmen? Und 
diese Erkenntnis und Claires halbherzige Drehen am Ring beruhigt mein aufgewühltes Gemüt etwas, denn, auch wenn Frank sie nicht unterbrochen hätte, gehe ich davon aus, dass sie Jamies Ring nicht abgenommen hätte. Denn, wie uns die Handlung im Buch zeigt, wird sie nie bereit sein, seinen Ring abzunehmen. Armer Frank!

Neuanfang
In der nächsten Szene sehen wir Claire, wie sie den Ring mit dem fehlenden Stein, den sie in der Eröffnungsszene im Gras gesucht hat, in der Hand hält und in ihrem Koffer versteckt. Ein weiteres Indiz dafür, dass dieser Ring für sie extrem wichtig ist. Sie schließt den Koffer, streicht gedankenverloren darüber und wir können einen Blick in ihr Gesicht erhaschen. Mein Gott, wie schafft Cait es nur, diesen resignierten und bedrückten Gesichtsausdruck so glaubhaft zu spielen?
Claire trägt in dieser Szene genau den selben blauen Mantel, den sie 1945 bei ihrer Ankunft in Inverness getragen hat, scheint sich selbst aber im Spiegel nicht zu erkennen, da sie sich in der Kleidung des 20. Jahrhunderts eher fremd erscheint. Sie betrachtet sich im Spiegel genauso fragend, wie sie sich in Episode 102 angeschaut hat, als Mrs. Fitz sie für das 18. Jahrhundert angekleidet hat. Claire geht zum Fenster und beobachtet Frank, wie er ihre Kleider verbrennt. Für sie wohl einer der schmerzlichsten Augenblicke seit ihrer Rückkehr und für mich auch. Frank nickt ihr leicht zu (ich habe das als aufmunterndes Nicken verstanden, nach dem Motto: wir schaffen das).
Claires Blick, ich kann ihn kaum ertragen, geht in den Himmel, diese tolle instrumentale Musik wird lauter (ich könnte schwören, dass es eine Abwandlung des Franks Themes ist) und, was soll ich sagen, Taschentuch Nummer drei verlässt bei 36:36 Minuten Spielzeit die Packung. Diese Szene ist für mich der ergreifendste Moment in der gesamten Episode, gefolgt von Claires Monolog in der vorangegangenen Szene, dass sie Jamie versprochen hat, ihn loszulassen.
Claires Blick in den Himmel leitet zu Claires Blick aus einem Flugzeugfenster über. Sie steigt aus und im Hintergrund erkennt man die Skyline von, nein nicht Boston, sondern New York (wahrscheinlich ein Zwischenstopp). Sie lächelt Frank an.

Kleine Randnotiz:
Ich habe viele Posts gelesen, in denen Claires Lächeln Frank gegenüber als unpassend oder „Out-of-Character“ beschrieben wird. Ich denke aber, dass sie ihr Versprechen, Jamie gehen zu lassen und mit Frank weiterzuleben, ernst nimmt (auch wenn die Umsetzung scheitern wird) und warum darf sie dann Frank nicht anlächeln. Sie sieht weit gefasster aus, als zu dem Zeitpunkt, als wir sie in der letzten Szene gesehen haben, als Frank ihre Kleider verbrannt hat. Keiner von uns weiß, wie viel Zeit zwischen diesem Ereignis und der Landung in New York vergangen ist. Wohl eher einige Wochen, wenn nicht ein paar Monate, obwohl dann hätte ihr Babybauch größer sein müssen.. Mal ehrlich, eine neue Stellung anzunehmen, auf einen anderen Kontinent zu ziehen und sein Hab und Gut dorthin zu transportieren, erfolgt ja nicht von heute auf morgen. Auch wenn sie Jamie immer noch liebt und nie vergessen wird, kann sie doch versuchen, ihr Leben im bestmöglichen Weg zu leben und dann darf sie, meiner Meinung nach, auch Frank anlächeln und versuchen ihr Glück zu finden. Denn genau das hätte Jamie für sie gewollt. Oder aber sie erinnert sich in diesem Moment an Jamies und ihre Ankunft in Le Havre.

Frank streckt ihr die Hand entgegen, „Noch eine Stufe.“, Claire streckt ihre aus und….
……Franks Hand wird zu Jamies und wir befinden uns 1744 in Le Havre.

Ich finde diese Überleitungssequenz so wundervoll und einfühlsam gestaltet. Sie erinnert mich an die Bilder, die letzte Staffel zur Promozwecken genutzt wurden, in denen Jamie und Frank Claire ihre Hand entgegenstrecken. Ich liebe es, dass Ron dieses Symbol an dieser Stelle wieder aufgenommen hat. Erstaunlich finde ich auch die Parallelen, die diese Überleitungsszene mit sich bringt. In beiden Jahrhunderten reicht ihr Ehemann des jeweiligen Jahrhunderts ihr die Hand, um seine schwangere Ehefrau den letzten Schritt in ein neues Leben, das in einem neuen Land beginnen soll, zu unterstützen. Und genau in dieser Szene findet sich der deutsche Folgentitel „Reise ins Ungewisse“ wieder, denn alle Hauptcharaktere beginnen mit ihrer Ankunft in einem fremden Land eine ungewisse Zukunft. Frank mit Claire in Boston und Jamie mit Claire in Le Havre. Auch emotional weiß keiner von den dreien, was auf ihn zukommen wird und von daher ist es nicht nur eine örtliche Reise in Ungewisse, sondern auch eine gefühlsmäßige.

Ankunft in Le Havre
Jamie und Claire sind gerade mit der Cristabal in Le Havre angekommen und verlassen zusammen mit Murtagh das Schiff. Es ist schön zu sehen, dass Jamie immer noch sein Bestes gibt, trotz allem, was ihm in Wentworth geschehen ist, an seinem Humor festzuhalten. Der Moment, in dem Claire und er über seine Seekrankheit spotten, hat mich das erste Mal, in den vergangenen 38:00 Minuten, schmunzeln lassen. Auch Murtaghs brummelige, aber trotzdem liebenswerte Art und sein ganz besondere Humor, „Frankreich, es riecht nach Fröschen. So hatte ich es in Erinnerung.“, bringt glücklicherweise etwas Leichtigkeit in diese, bis jetzt, so tragische und ergreifende Folge. 

Murtagh hat für alle ein Zimmer, ich würde es eher als Ferienwohnung bezeichnen, besorgt. Leider bleibt die Stimmung zwischen Jamie und Claire nicht so leicht und humorvoll, wie am Hafen. Man sieht klar und deutlich, dass Jamie sich körperlich sehr unwohl fühlt und ihm augenscheinlich seine Hand Probleme bereitet. Er zieht seine Jacke aus, setzt sich sehr vorsichtig aufs Bett, hält seine verletzte Hand und starrt ins Leere. Claire bemerkt, dass etwas nicht stimmt, kommt zu ihm und fragt, was los ist.
„Manchmal fühlt es sich an, als wäre er hier.“ Allein dieser Satz befördert bei mir das gesamte Spektrum von Folge 116 wieder an die Oberfläche und ich bekomme bei Jamies Aussage eine Gänsehaut. 
Claires Antwort ist genau das, was Jamie in dieser Situation braucht und ich finde nicht, dass sie einfach so über seine Äußerung hinweg geht. Sie spendet ihm kein Mitleid, äußert keine leeren Worte des Bedauerns oder tröstet ihn nicht mit einem Ach-das-wird-schon-und-die-Zeit-heilt-alle-Wunden, denn das macht sie leider nicht immer. Sondern sie sagt ihm, dass sie da ist und nicht weggeht und zeigt ihm dadurch, dass sie ihn, wie sie es Jamie in Folge 116 versprochen hat, immer so annehmen wird, wie er ist. Und Claire gibt ihm eine Aufgabe, etwas, was ihn von seinen Erinnerungen an BJR ablenken kann: Mission Change the Future.
Jamies Idee, anstatt die Schlacht von Culloden zu verhindern, lieber den Krieg zu gewinnen, ist gar nicht so weit hergeholt. Aber Claires Einwand, dass sie nicht genug über die Schlachten, die Taktiken und Abläufe Bescheid weiß, macht diese Idee zunichte. Daher können sie nur die Jakobiten in Frankreich, wo Charles Edward Stuart (von den Schotten auch liebevoll als Bonnie Prince Charlie (BPC) bezeichnet), beginnt, Geld, Waffen und Unterstützer für seine Sache zu finden, unterwandern und versuchen an die Schlüsselfiguren und Geldgeber heranzukommen.
Claire hat die Idee, dass Jamies Cousin, der in Paris lebt und auch ein Jakobit ist, für sie bürgen und ihnen andere Jakobiten vorstellen könnte. Jamie ist nicht wohl bei dem Gedanken alle anzulügen und zu betrügen und hat auch die Befürchtung, dass es sie beide vielleicht ihre Seelen kosten könnte. Claire verspricht ihm, dass das nicht passieren wird.

Im Hafen
In der nächsten Szene sehen wir Claire, Jamie und Murtagh am Hafen. Murtagh ist von der Idee nicht begeistert, dass Jamie und Claire ihm nicht den wahren Grund für ihr Vorhaben nennen wollen. Und seine Antwort auf Jamies „Du musst uns vertrauen.“ finde ich mal wieder eine tolle Murtagh Aussage: „Ich vertraue Euch mein Leben an, wenn es sein muss. Aber Ihr vertraut mir nicht genug, um mir zu verraten was hinter all dem steckt.“ Genau das ist der springende Punkt. Murtagh ist nicht gekränkt, weil sie ihm nicht die Wahrheit erzählen wollen, sondern weil er, der Jamie blind vertraut und immer an seiner Seite steht, auch von Jamie mehr Vertrauen und Respekt verdient hätte
.

Begegnung mit Jared
Drei Wochen sind seit der Ankunft von Jamie und Claire in Le Havre vergangen. Wir sehen sie zusammen mit Jamies Cousin Jared in ihrem Gästezimmer und Jared äußert sich etwas erstaunt über Jamies plötzlich aufkommendes Interesse an Politik im Allgemeinen und den Jakobiten im Besonderem. Ich finde es richtig, dass er Jamie und Claire gegenüber erst skeptisch und vorsichtig ist und Jamies Motive hinterfragt. Alles andere wäre, in meinen Augen, storytechnisch unglaubwürdig gewesen.
Als Jamie sein Hemd auszieht und Jared seinen vernarbten Rücken als Grund für sein Interesse an den Jakobiten zeigt, scheint dieser vollends überzeugt. Ich kann mir vorstellen, wie viel Überwindung ihn das gekostet hat, denn Jamie fühlt sich bei dem Gedanken, dass jemand seine Narben sieht, immer sehr unwohl und hat Dougal in Episode 105 dafür mehr als verachtet, als dieser seinen Rücken zur Sammlung von Spenden für die Jakobiten missbraucht hat. Aber, wie Claire es bereits erwähnt hat, geht es hier um mehr, es geht bei Jamies und Claires Mission um über 10.000 Leben, die schottische Kultur und die gesamte Existenz der Highländer. Ja und ich denke, da kann Jamie schon mal seine Narben in die Waagschale werfen.
Jared bietet Jamie an, während er eine Reise zu den Westindischen macht, seinen Weinhandel in Paris zu leiten und über die Sache mit den Jakobiten nachzudenken.
Wie gut, dass es den uns BL durchaus bekannten gabaldonischen Zufall gibt. Jamie und Claire brauchen eine Unterkunft in Frankreich, Jamie benötigt eine Arbeit, Jamie und Claire sind angewiesen auf Zugang zur Pariser Oberschicht und zu den Jakobiten. Wie gut, dass es Cousin Jared gibt.

Kleine Randnotiz:
Für die BL unter uns finde ich es schade, dass Jamie ein Mitglied aus der eigenen Familie anlügen und hintergehen muss. Im Buch hat Diana den Plot, wie Jamie und Claire in die jakobitischen Kreise gelangen, besser gelöst. Dort stellt Jared Jamie einfach als seinen Vertreter in seinem Weinhandel an. Jamie und Claire kommen ganz automatisch durch Jamies Stellung in Jareds Weinhandel in den Genuss, Bekanntschaften aus der Pariser Oberschicht zu machen.

Pocken
Wieder am Hafen sieht Claire, die aufgrund ihrer Morgenübelkeit frische Luft braucht, eine Traube von Menschen, die einen Mann auf einer Trage in ein Lagerhaus trägt. Claire schaltet sofort auf Krankenschwester-Modus um, läuft hinterher, gefolgt von Jamie und Jared. Sie diagnostiziert bei dem Seemann Pocken.
Der Hafenmeister betritt das Lagerhaus, gefolgt von…tada, kurzer Trommelwirbel…dem Comte St. Germain, für den Bear McCreary sogar ein eigenes Theme komponiert hat.
Er hat eine sehr autoritäre, bedrohliche und leichte geheimnisvolle Präsenz, gepaart mit der nötigen Arroganz. Jared Aussage, dass das Ärger geben wird, ist auf jeden Fall ein wichtiger Hinweis auf das, was in den kommenden Folgen noch passieren wird. Während Claire weiter im Krankenschwester-Modus agiert und weder ihre Umwelt noch Jamies eindringliche Hinweise, es gut sein zu lassen, wahrnimmt, verfällt Jamie zur Claires Verteidigung in den Krieger-Modus. Gut zu sehen dass Jamie, trotz seinem momentanen körperlichen Zustand, im Ernstfall in der Lage ist, seine Frau zu beschützen und auch keine Sekunde zögert, das zu tun.
Der Hafenmeister, der augenscheinlich vom Comte geschmiert wird, kann den Vorfall aufgrund von Claires Einsatz nicht unter den Teppich kehren und veranlasst, dass die Patagonia, das Schiff vom Comte, inklusive der gesamten Ladung, verbrannt wird. Der Comte ist mehr als nicht begeistert und droht Jamie und Claire, dass sie beide dafür bezahlen werden. Und wenn ich einer der beiden wäre, würde ich ab jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, nicht mehr das Haus verlassen.                       Wirklich sehr überzeugend von Stanley Weber gespielt, auch wenn er in dieser Folge nur einen kurzen Auftritt hatte. Ich finde, dass er seine Rolle und diese nicht offensichtliche und unter dem Deckmantel eines noblen französischen Kaufmanns schwelende Bedrohung auch in diesen wenigen Minuten wunderbar zur Geltung gebracht hat und ich bin schon auf Stanleys weiteres Talent in kommenden Folgen gespannt.

In der Schlussszene ist es bereits dunkel und wir sehen wie die Patagonia brennend vor dem Hafen liegt. Jared sagt zu Jamie und Claire, die das brennende Schiff beobachten, dass der Comte niemals vergessen wird und sie sich heute einen Feind gemacht haben. Worauf Jamie zu Claire sagt „Ein anderes Land, ein anderer Feind. Das Leben mit Dir ist nicht langweilig, Sassenach. … Ich würde dich nie ändern wollen.”
Jamie und Claire verlassen mit Jared und Murtagh den Hafen, steigen in Jareds Kutsche und machen sich auf nach Paris, begleitet von einem vernichtenden Blick von Seiten des Comte.


Der Inverness Teil ist, wie bereits erwähnt, eine emotionale Achterbahnfahrt der besonderen Art. Das Drehbuch haben Cait und Tobias großartig umgesetzt und ich habe sowohl mit Claire als auch mit Frank mitgelitten und geweint. Die Story in Le Havre kommt gut und flüssig rüber, aber ist im Vergleich zum Inverness Teil etwas unspektakulärer, aber nicht uninteressant. Sie setzt den Rahmen für die kommenden Folgen und in meinen Augen dient der Teil in Le Havre als Einleitung und stimmt uns schon einmal auf das ein, was Jamie und Claire alles in Paris erleben werden.

Ich freue mich auf nächste Woche, wenn es heißt „Fern der Heimat Schottland und kann es kaum erwarten, endlich einige oder hoffentlich viele von Terry Dressbachs Kostümkreationen zu sehen.

@Yvonne Pirch 10.04.2016 / 07.09.2016
@ Foto von Lady Dagmar of Lochaber 


Inside the World of Outlander Folge 201: https://www.starz.com/video/0cf17256888b45348ce3408e42996ebc
Behind The Scences (Drehbuch, Videos, etc.) Folge 201: http://www.outlandercommunity.com/index.php?f=insideoutlander&s=201
Podcast mit Ron D. Moore Folge 201:http://assets.starz.com/stzcom/outlander/201_Podcast_033016.mp3

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