Review 402: Do no Harm (Versklavt)

Episode 402  
„Do no Harm”
(Versklavt)

Drehbuch: Karen Campbell
Regie: Julian Holmes

If your oath is to do no harm,
then perhaps you could save his soul…”

(Jamie Fraser)


ACHTUNG:
Der folgende Text enthält Spoiler. Nicht nur Spoiler zur Serie und der aktuellen Folge, sondern auch zu allen Büchern von Diana Gabaldon, die bis zum heutigen Datum erschienen sind.


Erst einmal und wieder einmal einen großen Applaus an Jon Gary Steele und seine Mitarbeiter. River Run ist genauso, wie ich es mir immer vorgestellt habe, ein wunderschönes, weißes Südstaatenhaus, mit Säulen und einer offenen Veranda, ein Traum im
“Vom Winde verweht”-Style, wären da nicht die Sklavenunterkünfte, die man rechts im Hintergrund sehen kann.

Matt hat in “Inside the World of Outlander” erzählt, dass sie in Schottland ein Stück Land gefunden haben, auf das sie River Run gebaut konnten. Übrigens haben sie nur die untere Etage errichtet und die Obere wurde per CGI später hinzugefügt. Hier ist ein interessanter Artikel, in dem Matt erzählt, wie River Run entstanden ist. 
Nicht nur von Außen betrachtet ist River Run wunderschön, auch die Inneneinrichtung ist atemberaubend, angefangen bei Jocastas Teeservice über die Dekorationen bis hin zu den Möbeln. Ich liebe das Licht im Haus und das Wechselspiel zwischen Gold und Blau und für diesen wundervollen Seidenstoff, mit dem die Sofas in Jocastas Salon bezogen sind, fehlen mir schlichtweg die Worte.

Auch Bear McCreary hat mit seinen Kompositionen wieder kleine Wunder vollbracht, vor allem mit dem Jocasta Theme und dem rührenden Lied, das im Abspann gespielt wird.

Die Titelcard war für mich diese Woche erst ein Rätsel. Normalerweise kann ich sie immer in den Kontext der Folge bringen, was mir diesmal bis kurz vor Ende nicht gelungen ist. Aber mit dem Abspann ist klar, dass das Ziffernblatt ein Symbol für die Zeit ist, die (wieder einmal) gegen Jamie und Claire arbeitet.


Mir hat diese Folge sehr gut gefallen, obwohl Karen Campbell das Drehbuch geschrieben hat. Anders als noch in Folge 307 schafft sie es diesmal, eine gute Story zu erzählen und die Charaktere fast buchnah zu treffen. Jamie ist so, wie wir ihn alle kennen und lieben und Claire kommt ihrem Vorbild aus dem Buch schon sehr nahe, dickköpfig und immer für das eintretend, was sie denkt. An manchen Stellen in dieser Folge ist es mir jedoch etwas zuviel Claire und ich empfinde sie, gerade in Bezug auf Rufus, etwas halsstarrig und unbelehrbar. Im Buch besitzt sie die Weisheit von sich aus zu erkennen, dass dieser arme Mann keine Chance hat und die Einsicht, dass sie ihn nur retten kann, indem sie ihm einen leichten Tod verschafft. Da hat sie nicht Ulysses Rat und Jamies Hilfe benötigt, um zu sehen, dass Rufus keine Chance hat, egal wie viele Haken sie aus seinem Körper operiert und mit wie vielen Stichen sie ihn wieder zusammenflickt. In dieser Folge aber geht sie mit ihrem Tunnelblick und in ihrem Emergency-Room-Modus gegen alle Normen und Werte dieser Zeit vor, nur den Fokus darauf gerichtet, dieses Menschenleben zu retten, koste es, was es wolle und ohne Rücksicht auf die Menschen, denen sie wichtig ist und die ihr am Herzen liegen, so wie sie es auch schon in Folge 307 bei dem Steuereintreiber John Barton getan hat. Da auch hier Karen Campbell das Drehbuch geschrieben hat, gehe ich davon aus, dass die halsstarrige und uneinsichtige Claire, die sie in ihren Folgen beschreibt, die Art und Weise ist, wie sie diesen Charakter versteht und interpretiert, die aber leider nicht mit meiner Sichtweise von Claire übereinstimmt. Wie seht Ihr das, wie habt Ihr diese Woche Claire empfunden?
Abgesehen von Claires kleineren charakterlichen Aussetzern ist es eine gute Folge, die sich an das Tempo von 401 anpasst und uns genau wie diese, ein bisschen mit ihrer Handlung einlullt und am Ende mit alle Härte der Realität brutal zuschlägt. Die Handlung dieser Episode fasst die wichtigsten Ereignisse und Informationen von Jamies und Claires erstem Aufenthalt auf River Run aus Band 4 zusammen und wandelt den Handlungsstrang etwas ab, um den Zuschauern unmissverständlich zu zeigen, warum die Frasers, trotz aller Bedenken und Hindernisse, nicht den komfortableren Weg gehen und sich auf River Run niederlassen, sondern sich doch ein Stück Land im Nirgendwo suchen werden, um dort mit allen Gefahren und Entbehrungen zu leben. Im Buch treffen Jamie und Claire mit weitaus weniger Dramatik zwar auch diese Entscheidung, aber mit viel mehr Dialog und einem längeren Aufenthalt auf River Run, etwas, wofür in der Serie leider keine Zeit ist.

Der Episodentitel “Do no Harm” schlängelt sich wie ein roter Faden durch diese Folge, denn alle auf River Run sind auf ihre Art und Weise bemüht, keinen Schaden anzurichten und das Unheil, das drohend über jedem Einzelnen steht, abzuwenden.

Die Folge beginnt mit Jamie und Claire auf dem Boot, wahrscheinlich am Tag nach dem Überfall. Jamie ist am Boden zerstört und erfüllt von Schuldgefühlen, weil er weder Lesley noch Ian und Claire hat beschützen können. Claires Worte, dass es nicht seine Schuld ist und dass die Männer bis auf die Zähne bewaffnet waren, sind für Jamie nur ein schwacher Trost. Das weiß auch Claire, denn nichts und niemanden kann Jamie den Schmerz, versagt zu haben, nehmen. In seinen Augen hat er wieder einmal seinen Schwur, den er Claire in ihrer Hochzeitsnacht geleistet hat, sie immer zu beschützen und wenn nötig mit seinem Körper (ich muss gerade an Wentworth denken), gebrochen. Jamies Worte über Bonnet “Now that murderous bastard’s free to prey upon others. That’s my cross to bear.“ verursachen bei mir eine leichte Gänsehaut, wenn man bedenkt, dass es eine furchtbare Vorahnung ist, die er dort äußert und dass er sich für das, was im Laufe dieser Staffel noch alles passieren wird, auch die Schuld geben wird. Wie viel kann ein Mensch eigentlich an Schuld auf sich laden, bis er daran zerbricht, frage ich mich nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal in Bezug auf Jamie Fraser.
Für meinen Geschmack ist die Szene zwischen Jamie und Claire viel zu schnell vorbei, denn ich hätte gerne noch gesehen, wie sie über Claires Ring sprechen, der nicht mehr da ist und wie Claire mit dem Verlust dieses ihr so wichtigen Geschenks umgeht. Aber die Serie ist an dieser Stelle schneller als meine Gefühlswelt und wir erreichen schon River Run, obwohl ich mit der Aufarbeitung des Überfalls noch nicht durch bin. Aber 43 ⅛ Folgen Outlander haben mich gelehrt, geduldig zu sein und Vertrauen in die Autoren zu haben und eine Szene niemals abzuschreiben, bevor die Staffel oder soll ich sagen, die Serie vorüber ist.
Ich liebe diesen kleinen Moment, wenn Jamie und Claire nebeneinander auf dem Boot stehen und Jamie seinen Arm um sie legt und, begleitet durch das Jamie und Claire Theme, ihren Oberarm streichelt, um ein wenig Halt bei Claire zu suchen, weil es ihn schmerzt und sorgt, dass sie jetzt mittellos sind.

Die Szene in der die Frasers in River Run ankommen, ist sehr gut inszeniert. Besonders der Moment, in dem Ian Jocasta einen Blumenstrauß überreicht, ist gut gelungen, denn somit wird von Anfang an und ohne große Worte uns Zuschauern und vor allem den Nicht-BL gezeigt, dass Jocasta nahezu blind ist.

Maria Doyle Kennedy ist wundervoll und spielt ihre Rolle, der geliebten, fürsorglichen und warmherzigen, aber auch weißen priviligierten Tante mit MacKenzie Eigenschaften und einer liebevollen, aber auch unerbitterlichen Hand, mit einer solchen erhabenen Eleganz, dass man fast meint, sie hätte niemals etwas anderes in ihrem Leben gemacht, als als Südstaatenschönheit auf einer Plantage zu leben.
Ulysses, gespielt von Colin McFarlane, ist so, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe und es ist allen klar, dass Jocasta ihm im wahrsten Sinne des Wortes blind vertraut, denn er führt nicht nur den Haushalt, sondern ersetzt ihr das verlorene Augenlicht. Ihr vertrauter und selbstverständlicher Umgang miteinander macht es manchmal schwer zu glauben, dass Ulysses für seinen Dienst und Hingabe nicht bezahlt wird, sondern, genau wie alle anderen, die für Jocasta arbeiten, ein Sklave ist.

Die erste Begegnung zwischen Jamie und seiner Auntie Jocasta berührt mich sehr, vor allem Jamies Tränen, die ihm in die Augen steigen, wenn er seine Tante umarmt und seine vor Rührung tränenerstickte Stimme, weil sie ihn so sehr an seine verstorbene Mutter erinnert und er mit seiner  Auntie den Schmerz und die Leere teilen kann, die der Tod von Ellen bei beiden hinterlassen hat. Es ist wundervoll, Sam dabei zuzusehen, wie er das, was Claire im Buch in diesem Moment auf Jamies Gesicht beobachtet, nahezu perfekt auf den Bildschirm transportiert.

Ian, den Matt letzte Woche im Podcast zur Folge 401 liebevoll als “Troublemaker with an heart of gold” bezeichnet hat (treffender kann man Ian nicht beschreiben) sorgt mit Rollo und seiner Begegnung mit einem Stinktier für eine nette Abwechslung zwischendurch.

Wir begegnen in der Szene, in der Ulysses Jamie und Claire ihr Zimmer zeigt, das erste Mal einem weiteren wichtigen und interessanten Charakter, mit dem wir es noch öfter zu tun haben werden – Phaedre, gespielt von Natalie Simpson. Sie ist wunderschön und anmutig und macht ihre Sache wirklich gut, da sie mit ihrer Körpersprache viel mehr ausdrückt, als sie eigentlich sagt bzw. sagen darf.
Übrigens liebe ich Ulysses schockierten Gesichtsausdruck, wenn Claire Phaedre und Mary bittet, sie beim Vornamen zu nennen.

In der nächsten Szene sprechen die Fraser mit Jocasta auf der Veranda über die Plantage und ich bin sehr von Claires verbaler Zurückhaltung beeindruckt, obwohl man an ihrer Körpersprache und Mimik sieht, dass sie mit Nichts, was Jocasta über ihre gut ernährten, gekleideten und glücklichen Arbeiter auf ihrer Plantage erzählt, einverstanden ist. Schnell wird der gesellschaftliche und moralische Konflikt deutlich, der zwischen Jocasta und Claire steht. Für Jamies Tante ist es vollkommen in Ordnung, Menschen zu kaufen und zu besitzen. Für Claire, die aus einer anderen Zeit kommt, ist es undenkbar, einen anderen Menschen zu besitzen und diesem keine Rechte zu gewähren. Ich bin erstaunt, dass Claire es schafft, solange ihren Mund zu halten, wie sie es in dieser Szene tut und auch über ihre Art und Weise, das Gespräch zu beenden. Manchmal ist es besser eine Situation zu verlassen, als sich ihr zu stellen. Und da Claire nicht immer kopflos durchs Leben rennt, weiß sie das und geht daher lieber in den Garten und der verbalen Auseinandersetzung mit Jocasta aus dem Weg, um keinen größeren Schaden anzurichten (“Do no Harm”), weil sie mit ihrer Einstellung über Sklaverei eventuell das familiäre Verhältnis zu Jocasta zerstören könnte und Jamie damit in eine schwierige Lage bringen würde, denn unter keinen Umständen möchte sie ihm seine Tante nehmen, die ihn so sehr an seine geliebte Mutter erinnert.

Das Gespräch zwischen Claire und Jocasta, das sie führen, wenn Claire ihre Anprobe für das neue Kleid hat, ist in meinen Augen sehr gut gelungen und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen zeigt es, dass Jocasta wirklich eine gute “Herrin” ist, denn Phaedre wirkt in ihrer Gegenwart weder eingeschüchert noch verängstigt und nennt sie sogar nur “Mistress Jo”, etwas, das von einer guten Beziehung zu Jocasta spricht. Zum anderen zeigt es, dass Phaedre auch zu Claire ein gewisses Vertrauen hegt, was für den späteren Verlauf der Handlung noch wichtig wird. Was ich am meisten an dem Gespräch mag, ist die Art und Weise, wie Jocasta mit Claires Abneigung gegen ihre Lebensweise auf River Run umgeht, denn Jocasta reagiert nicht mit Wut oder Ablehnung ihr gegenüber. Ganz im Gegenteil, sie respektiert Claire für ihre eigene Meinung und das Rückgrat diese zu vertreten und auszudrücken und dafür, dass sie in ihr etwas findet, das sie an ihre Familie erinnert – das Feuer der MacKenzies. Jocastas AussageJenny is right about you. You are a peculiar lass. She made mention in her letters that you were spirited, headstrong, that ye no blush to share your thoughts on any matter, versed in it or no.” lässt mich schmunzeln, denn wer, wenn nicht wir BL weiß, wie recht sie bzw. Jenny mit allem hat, was dort steht.

Das Einzige, was mir in dieser Folge wirklich gefehlt hat, ist Jamie im Kilt. Im Buch trägt er auf der Dinnerparty seiner Tante das erste Mal seit Culloden wieder (s)einen Kilt und auch wenn ich nicht weiß, wo dieser hergekommen sein soll (er hat ihn bestimmt nicht mit nach Jamaika genommen), hätten sie ihn ruhig zeigen können. Es ist ja nicht nur ein Kleidungsstück, sondern für Jamie ist der Kilt ein Stück Schottland, ein Stück seiner Identität, die ihm die Briten nach Culloden gestohlen haben. Es wäre schön gewesen, den Kilt in der Neuen Welt zu sehen, der den Neuanfang der Frasers widerspiegelt. Aber vielleicht haben sich die Serienmacher das für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben – für Frasers Ridge, wenn Jamie und Claire ihren richtigen Neuanfang in ihrem neuen eigenen Zuhause haben.
Abgesehen von Jamies fehlendem Kilt ist mir Jocastas Party ein bisschen zu Britisch und zu steif, wenn man bedenkt, dass sich viele Schotten in North Carolina niedergelassen haben und bestimmt einige davon zu Jocastas Bekannten und Freunden gehören. Mir hat das leichte und fröhliche schottische Flair aus der Taverne in Wilmington gefehlt, das wir auch schon beim Quarters Day auf Lallybroch und beim Hogmanay Fest gesehen haben.
Aber Ian hat mit seiner Aussage „The Indians were on these lands first.“ ein bisschen Freude und Schwung in die eher steife Party gebracht und ich finde seine Einstellung sehr erwachsen und vielleicht auch ein wenig zu modern. Für uns Zuschauer, vor allem für die Nicht-BL unter uns, wird in dieser Sequenz und auch in der vorangegangenen mit Myers, wo Ian anmerkt, dass sich Indianer und Highlander gar nicht so unähnlich sind, der Grundstein für seine Faszination, Verständnis und Verbindung zu den Indianern gelegt, etwas, das im späteren Verlauf dieser Staffel noch wichtig werden wird.

Da Jocasta auf der Party Jamie ohne sein Wissen und Einverständnis zu ihrem Erben ernannt hat, diskutieren Jamie und Claire abends in ihrem Zimmer diese neue Situation. Als Erstes merkt Jamie an, dass seine Tante wirklich eine MacKenzie ist und dieser Schachzug, ihn vor allen anderen vor vollendete Tatsachen zu stellen, seiner Onkel Dougal und Colum würdig ist. Er sagt das weder wütend noch abfällig, sondern mit Respekt und Anerkennung für Jocasta und ihre verstorbenen Brüder, denn auch wenn seine beiden Onkel nicht immer gerecht zu ihm waren und ihn das eine oder andere Mal in schwierige Situationen manövriert haben, hat er sie trotz allem respektiert, geachtet und in erster Linie geliebt.
Claire sagt, dass sie keine Sklaven besitzen kann und da Jamie ihrer Meinung ist, unterbreitet er ihr die Möglichkeit, dass sie, wenn sie River Run führen, gut für die Sklaven sorgen und ihnen die Freiheit geben werden. Abgesehen davon, dass ich voll und ganz hinter Jamies Vorschlag stehe, denke ich, dass es ein erster Schritt in seinem Vorhaben ist, Amerika zu einem guten Land für Brianna zu machen.

Die Szene im Salon zwischen Jamie, Jocasta und Farquard Campbell ist sehr gut gelungen. Jamie offenbart seiner Tante und Mr. Campbell sein Vorhaben, dass er die Sklaven befreien möchte, wenn er Erbe von River Run wird, weil er denkt, dass er das als Besitzer der Planatage und somit auch der Sklaven darf und kann. Aber Mr. Campbell erläutert ihm sehr sachlich und ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, alle Voraussetzungen und Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Jamie den Sklaven auf River Run die Freiheit schenken kann. Ich bin Mr. Campbell sehr dankbar, dass er das geltende Recht in North Carolina so anschaulich erklärt, denn genauso wie Jamie war mir nicht klar, dass der Besitzer eines Sklaven diesen nicht einfach so freilassen kann, sondern, dass es einen Wust an rechtlichen und finanziellen Vorschriften gibt. „Ye canna put a price on freedom!“ ist Jamies Antwort auf Mr. Campbells Vortrag und dessen Antwort „But the Assembly can, and does. One hundred pounds sterling a slave. That’s over 15,000 pounds!“ macht ein für alle mal klar, dass, egal, wie nobel Jamies Wertvorstellungen sein mögen, diese nicht zählen.

Jamie erzählt Claire, dass ihr Vorhaben, die Sklaven zu befreien, realistisch betrachtet, unmöglich ist. Er bringt die andere Möglichkeit, Land zu besitzen und Menschen in seinen Dienst zu stellen, für die er die Verantwortung übernehmen kann und für die er sorgen kann, zu Sprache. Habt Ihr bemerkt, wie sich Jamies Gesicht aufhellt, wenn er an diese Option denkt, endlich ein Laird, ein Anführer sein zu dürfen? Aber Claire ist besorgt, dass das Angebot von Tryon sie direkt wieder in einen Krieg führen wird, in dem sie wieder auf der falschen Seite stehen werden. Sie haben jedoch keine Zeit, das Für und Wider und die Konsequenzen ihrer Entscheidung, egal zu welchen Gunsten sie ausfallen könnte, zu diskutieren, denn Jocasta kommt dazwischen und bitte Jamie bei einem Vorfall auf der Plantage um Hilfe.

Als Jamie und Claire am Ort des Geschehens eintreffen, können wir sehen, wie ein Sklave an einem Fleischerhaken hängt und gerade an einem Baum hochgezogen wird. Ich liebe es, wie Jamie in dieser Situation reagiert und äußerst wütend befiehlt, den Sklaven wieder auf den Boden herunterzulassen. Nachdruck verleiht er seinem Befehl noch, in dem er Byrnes und den Mann mit dem Seil mit seinen Pistolen bedroht und diese in Schach hält, damit Claire ihre Arbeit machen kann. Das ist mein Buch-Jamie wie er leibt und lebt und ich kann es nicht oft genug wiederholen, dass ich mich sehr glücklich schätze, das Privileg zu haben, meine Lieblingsbücher sehen zu dürfen. Überhaupt ist es, wie auch schon in der letzten Folge, eine Freude, Jamie in all seiner Vielfalt zu beobachten – als Farmer, der mehr über das Land und seinen Anbau von Reis weiß, als die Menschen, die schon seit Jahren dort leben, als Verhandlungskünstler, der sich seinen Weg durch die komplizierte Rechtsordnung dieser Zeit windet und versucht das Richtige zu tun, als Neffe, der versucht Schaden von seiner Tante abzuwenden, aber dabei seine Verantwortung anderen Menschen gegenüber immer im Auge behält und als Beschützer seiner Ehefrau, ohne die er keine wichtige Entscheidung trifft und ohne deren Unterstützung er keinen Neuanfang beginnen kann.

Ich bin sehr froh, dass Claires Medizinkästchen den Überfall von Bonnet unbeschadet überstanden hat, denn es wird in der Szene, in der Claire Rufus operiert, dringend gebraucht. So schlimm diese Minuten sind und so schrecklich es ist, Claire dabei zusehen zu müssen, wie sie einen Fleischerhaken aus dem Körper eines Mannes operiert, lässt mich diese Szene trotzdem ein wenig lächeln. Ist es nicht wundervoll, Claire bei ihrer Arbeit beobachten zu können, wie sie die  Menschen, die um sie herum sind, einteilt und kommandiert? Mir kommt eine Aussage von Willie aus Kapitel 56 “Bei lebendigem Leib” in “Echo der Hoffnung” in den Sinn, mit der er Claire in dieser Szene nicht zutreffender hätte beschreiben können: “Der Leutnant (William) hat gesagt, Ihr wärt der Lockenkopf, der die Leute herumkommandiert wie ein Generalmajor.«
Cait ist einfach spitzenklasse, wenn sich Claire im Emergeny-Room-Modus befindet und sie dabei in ihrer Rolle auch noch fluchen darf, dass selbst ein Seemann rot werden würde.

Ulysses hat festgestellt, dass Claire nicht wie alle anderen Weißen ist, die er kennt und sieht daher für sich die Möglichkeit, offen und ehrlich mit ihr zu sprechen. Er eröffnet Claire, dass sie Rufus zwar das Leben gerettet, sie aber dadurch noch mehr Schaden angerichtet hat (“Do no Harm”) und seine Seele und seinen Körper zu einem Schicksal verdammt hat, das schrecklicher ist, als von einem Fleischerhaken durchbohrt zu werden.

Im Gegensatz zu Claire, die sich, wie ich bereits oben in meiner Einleitung erklärt habe, in dieser Folge durch ihren Eid “keinen Schaden zuzufügen” wie in einem Tunnel befindet und weder nach links noch nach rechts sieht, hat Jamie in dieser Folge die Weisheit und Weitsicht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, auch wenn es schmerzt. Er ist ganz im Jamie Beschützer-Modus, der seinen EidYou have my name, my clan, my family. And, if necessary, the protection of my body as well., den er Claire vor 24 Jahren geschworen hat, erfüllen muss, koste es, was es wolle. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er mit dem Vorschlag kommt, Rufus Seele zu retten. Im Buch ist es ja Claire, die von sich aus sieht, dass der Sklave keine Chance hat, zu überleben, auch wenn sie ihn retten würde. Gott sei Dank lichtet sich am Ende, kurz bevor es Mitternacht schlägt, Claires Tunnelblick und sie sieht das, was Jamie schon lange weiß: um weiteren Schaden an Rufus, Aunt Jocasta, den Sklaven auf River Run, Jamie und sich selbst zu verhindern, muss Claire ihren Eid brechen und Rufus Schaden zufügen. So mischt sie ihm einen Tee und nachdem er diesen getrunken hat, bittet Claire ihn, wenn er im Sterben liegt, von seiner Familie zu erzählen, etwas, das sie bereits bei Geordie in Folge 104 gemacht hat.
Wenn Rufus stirbt und Claire ihm die Hand hält und Jamie für ihn betet, nimmt mich diese Szene sehr mit, genauso wie mich damals der Tod von Elias Pound in Folge 307 sehr bewegt hat. Das nenne ich die große Kunst des perfekten Drehbuchschreibens, wenn die Autoren es schaffen, in weniger als einer Stunde einen Charakter so mit Leben zu füllen, dass man für ihn weint, wenn er sterben muss.

 

I’m bending my knee in the eye of the Father who created me.
Pour down from heaven the rich blessing of thy forgiveness.
Be thou patient wi’ us.
Grant to us, thou savior of glory, the love of God…
And the will to do on earth, at all times, as angels and saints do in heaven.
Give us thy peace.

Jamies Gebet begleitet uns auf die Veranda hinaus, wo der Mob schon ungeduldig auf sein Opfer wartet. Jamie legt Rufus toten Körper auf den Boden, damit sich der Mob diesen holen kann. Die Worte des Gebetes hallen genauso laut wie das Läuten der Uhr um Mitternacht in meinen Ohren wider und stehen so sehr im Gegensatz zu dem, was ich gerade sehen muss, denn der Mob schleift Rufus Körper durch den Dreck, dass ich am liebsten “Hört auf!” rufen möchte. Aber ich rufe nicht und sie hören nicht auf und werden es weitere 100 Jahre nicht tun und ich weiß manchmal nicht, ob sie jemals damit aufgehört haben. Am Ende, wenn der Mob Rufus toten Körper am Baum aufhängt, egal, ob tot oder nicht, Hauptsache dem Gesetz (das ich nicht lache) ist Genüge getan, kommt zu meinem Entsetzen eine gehörige Portion Wut und Ohnmacht dazu und ich kann all das, was ich gerade fühle, in den Gesichtern derer lesen, die auf der Veranda stehen.
“America the Beautiful” kommt mir wieder in den Sinn und erneut zeigt sich das Land, in dem sich eigentlich Träume erfüllen sollen, von seiner schlechtesten, seiner menschenverachtensten und seiner brutalsten Seite.

Eines ist mit dem Ende der Folge klar: Jamie und Claire werden niemals River Run erben wollen und damit es es auch klar, dass sie in der kommende Folge Land und Siedler suchen werden und das könnte bedeuten, dass wir vielleicht, aber auch nur vielleicht einen schmerzlich vermissten Charakter wiedersehen werden – ihr wisst schon, wen ich meine 😉
Und wir werden definitiv das erste Mal in dieser Staffel auf Roger und Brianna treffen und ich bin schon mehr als gespannt darauf, mehr von ihrer Story zu Gesicht zu bekommen.

Je suis prest!

@ Yvonne Pirch


Behind The Scences (Drehbuch, Videos, etc.) Folge 401

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